Trauer um Rudolf Berger
Vita Rudi Berger
Rudi hat schon vor Jahren seinen Lebenslauf selbst aufgeschrieben. Ich habe den Text nur leicht bearbeitet, um manches verständlicher zu machen. Man kann in dem Text seinen Sprachduktus, Rudis Atem spüren. Darum gehört er hier her und ich lese ihn vor:
Lebenslauf von Georg, Rudolf Berger
Geboren am 4.10.1917 in Mutzschen - Mutter: Elsa Berger geb. Landmann 5.10.1884
Vater: Georg Berger, geb. 4.1.1874
Schwester: Liselotte Berger geb. am 22.8.1913
Meine Eltern heirateten im Jahr 1916
Das väterliche Grundstück: Jetzt Mutzschen, Grimmaische Str. 13 ist seit 1619 im Besitz der Familie Berger, und hat mehrere Nebengebäude: Eine alte Schnapsbrennerei
Kerzenmacher, Seifensieder und Landwirtschaft
Es waren 2 Pferde, 5 Kühe, 6 Schweine und 8 ha Hektar Feld, welches bewirtschaftet wurde.
Auch ein kleiner Laden gehörte als Kolonialwaren zum Grundstück - bis 1983 als Tante-Emma-Laden bekannt - danach altershalber aufgelöst.
Meine Kindheit verlief ruhig und normal. Als Schulkind war ich gerne mit Vater auf dem Felde, welcher daselbst schwere Arbeit verrichtete. Mit 10 Jahren bekam ich zu meinem Geburtstag eine kleine Sense geschenkt (dies war kein Fußball)
Als ich 15 Jahre und einen Monat alt war starb mein Vater und so mit musste ich mit Schwester und Mutter die Landwirtschaft weiterführen.
Der Lohn war pro Woche eine Mark. Als ich mit 18 Jahren die Tanzstunde mitgemacht hatte, bekam ich pro Woche 2 Mark. Das Geld war knapp. Erster Weltkrieg - bis 1918. Danach die Inflation, welche der Bevölkerung den letzten Pfennig aus der Tasche zog.
Im Jahre 1936/1937 mußte ich 5 Monate zum Arbeitsdienst nach Zählsdorf bei Herzberg. Im Jahre 1938 wurde ich zum Militär eingezogen. Und zwar in die neuen Kasernen in Oschatz. Dies war günstig, weil ich da mit dem Fahrrad sonntags nach Hause fahren konnte.
Meine Mutter hatte Köchin gelernt, dies hatte den Vorteil, dass es immer gutes Essen gab.
Meine Mutter und Schwester haben 1941 mit der Landwirtschaft aufgehört. Der Erlös von den Kühen und Pferden brachte so viel ein, dass die auf dem Grundstück lasteten Hypotheken zurückgezahlt werden konnten.
Meine Militärzeit endete mit russischer Gefangenschaft im Oktober 1946.
Meine Mutter und Schwester hatten trotz Krieg den „Tante Emma Laden“ aufrechterhalten, sodaß ich 1948 den Gewerbeschein bekam, das Geschäft weiter zu führen.
Meine liebe Frau Marianne ist in Schmiedeberg am 4.2.1923 in Schlesien geboren, wo ihre Eltern und Bruder eine Gärtnerei betrieben. Nach dem verlorenen letzten Krieg mussten sie Schlesien verlassen und Endstation war - auf Umwegen - Mutzschen. Kurz vor Weihnachten im Jahre 1946 wurden ihnen notdürftige Unterkünfte zugewiesen. Ihr Bruder arbeitete in der Gärtnerei Otto, und war später dann in Leipzig tätig.
Dort lernte er auch seine Frau kennen und heiratete am 1.4.1952. Aber nicht ohne Kinder war die Ehe, der Klapperstorch brachte ihnen einen Sohn – Gerd - ins Haus.
Meine liebe Frau und ich wir kannten uns ein Jahr und heirateten am 7.7.1951. Meine liebe Frau war im Haus und Hof und auch im Geschäft und Garten beschäftigt. Meine Tätigkeit war das Geschäft, wo natürlich auch der Einkauf von Waren dazugehörte. Wir waren der „EDEKA“ angeschlossen und hatten dadurch manchen Negerkuss zu verkaufen. Der Tante-Emma-Laden war bei Jung und Alt beliebt. Viele Wünsche konnten erfüllt werden und dies war immer die beste Reklame, denn ein Totenkopfschlüssel und eine Luftpumpe musste immer bei der Hand sein, um zu helfen, wenn das Rad nicht mehr fuhr! Oder das Wurstpacket hatte sich ins Vorderrad gewickelt... Im Volksmund: „Bergerrudi“ – so war ich bekannt als hilfsbereiter Mensch.: Bei Herrn Eberhard brannte es in der Küche, weil die Frau Jackmann die volle Gasflasche verkantet angeschraubt hatte – und so gab es immer viel zu tun für mich. Er (Rudi) war ein treuer Kirchgänger, läutete auch viele Jahre die Glocken. Und ungezählte Umzüge waren mit dabei. „Herr Berger vor meiner Haustür ist ein Loch im Pflaster, können Sie mir das mal zumachen? Bei mir regnet es rein!“ Auch Pflasterarbeiten waren oft mit im Programm, von der Antenne, Elektrokabel, Wasserleitung quer über die Straße. Aber nicht alle Wünsche konnten erfüllt werden.
37 Jahre war ich Kirchenvorsteher und habe manchen Dachziegel eingehängt.
Einer meiner schönsten Tage waren am 20.9.1997 als ich vom ehemaligen Bürgermeister Heinrich Hirsemann im Schloß zu Mutzschen, mit 42 geladenen Gästen und Landrat Dr. Gey, als Ehrenbürger von Mutzschen ausgezeichnet wurde.
Die Ansprache hielt Herr Hirsemann wo er noch einmal die Worte auf der Urkunde betonte:
Herr Berger hat sich im besonderen Maße um die Entwicklung der Stadt Mutzschen und zum Wohl der Bürger verdient gemacht.
Am 7.7.1951 schlossen meine Frau und ich den Bund der Ehe im Standesamt und auch in der Kirche zu Mutzschen, am 7.7.1976 feierten wir die Silberhochzeit.
Am 7.7.2001 hatte uns Gott die goldene Hochzeit beschert.
Kindersegen war uns leider nicht hold, der Klapperstorch fand die Esse nicht.
Nun noch einiges über unsere Mutzschener Störche: Seit 1968 haben sich auf der alten Brauerei-Esse ein Storchenpärchen niedergelassen. Selbige kommen jährlich bis Mitte April aus dem Süden zurück
Es wird gleich Hochzeit gefeiert und 3 -5 Eier gelegt. Die Brut dauert 32 Tage. Beide Störche sind an der Brut beteiligt, indem einer immer auf Futtersuche ist. 10 Wochen werden selbige versorgt und fliegen dann mit ihren Eltern auf die Wiese, wo sie selber den Frosch und Ringelnatter kennen lernen. Die letzte Woche im August sammeln sich die Störche an der Elbe, wo sie dann in den Süden fliegen.
Ihre Reiseroute verläuft über Dresen-Prag-Budapest- die Donau – bid nach Ägypten – und dann am Nil aufwärts. Sie legen pro Tag 150 – 200 km zurück. Die Flügelspanne beträgt 2.20 m. 1 m ist seine Größe und 4 kg sein Gewicht. “Lieber Storch mein Guter - bring mir einen Bruder
Lieber Storch mein Bester, bring mir eine Schwester.“
Meine liebe Frau Marianne hatte Gärtnerin gelernt. Diese Fähigkeiten kamen ihr im ganzen Leben zugute. Es waren Girlanden und Kränze zu binden, so wie manchen Blumenstrauß zurecht zu machen. Ihre große Liebe widmete sie dem Schmuck der Altarblumen in der Kirche. Mehrere Jahre tat sie das leidenschaftlich gern und mit der Glaubensüberzeugung aus dem 23.Psalm: „Der Herr ist mein Hirte“. Auch christliche Literatur mochte sie gern,
die Bibel und das Gesangbuch.
Der Leipziger Kirchentag im Jahre 1954 unter der Losung:
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet. – war ein wichtiges Ereignis für uns, an dem wir gemeinsam teilnahmen.
2002 starb meine liebe Frau und wurde hier in Mutzschen beerdigt.
Lesung
Zur Beerdigung von Marianne habe ich über den Psalm 23 gepredigt. „Der Herr ist mein Hirte – war aber nicht nur das Credo von Marianne, sondern auch von Rudi und ein Bild mit diesem Vers hing in Bergers Küche und bis zuletzt auch im Heim in Grimma. Rudi hatte mir darum schon vor 10 Jahren diesen Psalm als Lesung für heute ans Herz gelegt.
Ein Psalm Davids.
Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Auslegung Psalm 23 – durch Johannes Kölbel
Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Bergersrudi hat sich nicht selbst geweidet.
Ich habe ihn als einen glaub-würdigen Christen und als einen sehr bodenständigen Menschen erlebt.
Er wusste als Landwirt wo und wie die fetten Weiden sind. Er lebte mit der Natur und mit den Menschen, nicht gegen sie.
Fette Weiden: Rudi wusste wo es was zu DDR-Zeiten an Baumaterial für die Kirchensanierung gab, nicht zum Stehlen sondern zum Verhandeln, nicht für den eigenen Bungalow sondern für das Haus Gottes.
Und er wusste um die kargen und trockenen Böden der Mitbürger, ihre Resignation und ihren kleinen Glauben.
Er selbst wuchs sehr bescheiden auf und lebte dann auch bis zum Ende so.
Rudolf Berger wusste zu führen.
Ich habe ihn selbst als Pastor, als Hirten erlebt, einer der wusste wo es frisches Wasser für Leib und Seele gibt.
Er hatte manche wichtige Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs im Angebot seines Ladens:
Aber wichtig waren im übertragenen Sinne die Sämereien und das Vogelfutter:
das Wachsen legte er in Gottes Hand, er sorgte sich nicht allzusehr und er dankte täglich für das Brot auf dem Tisch. Das stimmte. Das war nicht oberflächlich heruntergerasselt. Das war gelebte Demut.
Rudi Berger war unterwegs. Er war viel unterwegs. Ich sehe ihn zu Fuß, selbst eingespannt vor dem Leiterwagen Richtung Feld, mit dem SR 2 und Hänger, mit den Pferden, im Haus vom Keller bis zum Dachboden und zurück,
in und an der Kirche, auf waghalsigen Gerüsten Marke Eigenbau, am Storchennest, immer aber nicht allein sondern mit seinem Gott und dem Herrn Jesus Christus, und ihm zur Ehre, nicht zum eigenen Ruhm.
Er war unterwegs zu den Menschen in der Nachbarschaft oder in der Ferne Sachsens. Er überzeugte mit seiner christlichen Orignalität,
konnte auch scharf machen, konnte laut und zornig sein, wenn es sein musste:
die Küchenmesser, die Beile oder Scheren wetzte er am Schleifstein für eine Kirchenspende.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde...
Hatte er Feinde? Ich weiß es nicht so genau: vielleicht die Gleichgültigen, die Besserwisser, die Bürokraten, die, die das Scheitern vorweg nehmen und nichts beginnen.
Ich weiß aber, daß er wusste wie er feindlich Gesinnte an einen Tisch brachte, wie er überzeugen konnte mit dem eigenen Vorbild,
wie er darauf achtete, daß keiner in der Beschämung das Gesicht verlor.
Mir wird es an nichts mangeln... Und Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen...
Besseres kann uns nicht geschehn:
Er war ein Hirte, kein Mietling dem die Schafherde egal ist sondern ein selbst behüteter und vor Gott und den Menschen verantwortlicher Hirte, der vorausgeht, den Weg ebnet und der auf ein ewiges Zuhause- und InFriedensein vertraut.
Rudolf Berger war in der Spur Jesu.
Und wir können in Jesu Spur bleiben, als gesalbte Königskinder, mit voll eingeschenkten Becher und reichlich guten Gaben af dem Tisch-ja auch deftig und fröhlich konnten Marianne und Rudi feiern! Auch mit Macht und Freiheit sind wir versehen, auch mit Angst, die uns vorsichtig sein lässt aber nicht lähmt und mit einer Zuversicht, die auch den Zweifel zulässt.
Es ist das Nehmen, niemals im Voraus, nur im Vertrauen, genauso selig und wichtig wie ein Geben. Das habe ich von Rudi gelernt.
So zu leben zieht eine Spur der Güte und eine Spur der Barmherzigkeit nach sich. Sie folgen jetzt Rudolf Berger.
Er lebte in der Spur Gottes. Nun ist er nach der Wanderung zuhause. Gott berge ihn und uns tröste er im Verlust. Und er mahne uns in der Selbstbezogenheit und im Hochmut. Er mache uns gewiß, daß wir in der Liebe Gottes miteinander verbunden bleiben. Amen