US-Wahl als Spiegel

US-Wahlen als Spiegel der Kollision der Bewusstseinskonzepte

DAS GEWANDELTE WIR
Vor 40 Jahren noch wurde unsere Gesellschaft durch das klassische Wir-Bewusstsein geprägt. Heute dominiert das kritische Ich-Bewusstsein. Doch es wächst auch die Verbundenheit mit anderen Menschen und die Anerkennung unterschiedlicher Glaubensbilder



I. Reformation heute - Skizzen einer theologischen Standortbestimmung zwischen traditionalistischem Gemeindeverständnis und postmodernem Lebensgefühl – eine persönliche Perspektive

1.1. Die Entwicklungsstufe des Wir – Bewusstseins

1.2.
Das Ich – Bewusstsein als gesellschaftsdominierende Entwicklungsstufe

1.3. Das Verbundenheits-Bewusstsein als Ausdruck einer reifer gewordenen Gesellschaft

1.4. Zur Bedeutung und Funktion von Kirche auf den verschiedenen Bewusstseinsebenen
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II. Herausforderung Migration - Kollision der Bewusstseinskonzepte


III. Gegenwärtige Spannungen in Gesellschaft und Kirche als Ausdruck des Konflikts zwischen den Bewusstseinsebenen

I. Reformation heute - Skizzen einer theologischen Standortbestimmung zwischen traditionalistischem Gemeindeverständnis und postmodernem Lebensgefühl – eine persönliche Perspektive

Das gesellschaftliche Umfeld in dem ich lebe und arbeite, ist einem permanenten Wandlungsprozess unterworfen, dessen Dynamik in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Mit immer wieder neuen Konzeptionen, Zukunftswerkstätten und Strukturanpassungen versuchten wir auf diesen Veränderungsprozess zu reagieren. Trotz allen Bemühens habe ich das Gefühl, mit unseren Angeboten immer weniger im Lebensalltag der Menschen vorzukommen. Über den zunehmenden Bedeutungsverlust institutionalisierter Kirche vermögen auch gut besuchte Heiligabend- oder Eventgottesdienste nicht hinwegzutäuschen. Die einschlägigen religionssoziologischen Untersuchungen der letzten Jahre – von den Sinusstudien bis zu EKD-Mitgliederbefragungen – belegen diesen Trend mit eindeutigen Fakten und Zahlen. Im Blick auf anstehende Reformen spüre ich in Gemeinden und Mitarbeiterschaft die Angst, Engagement und Kräfte in einem ermüdenden Aktivismus zu verschleißen. Zugleich sehe ich auch im Blick auf meine eigenen Arbeitsstrukturen, dass oft unverhältnismäßig viel Energie in die Aufrechterhaltung von Angeboten investiert wird, die nur von einem Bruchteil der sogenannten traditionsverwurzelten Kerngemeinde in Anspruch genommen werden, während kaum Ressourcen da sind, um den übergroßen Rest der Menschen in den Blick zu nehmen. Ich höre den sarkastischen Vorwurf an Kirchen und damit an meine eigene Arbeit, Antworten zu geben auf Fragen, die keiner gestellt hat.
Welche Fragen aber bewegen die Menschen? Welche Bedürfnisse haben Sie? Welche Milieus oder Szenen sind überhaupt und in welcher Weise ansprechbar für religiöse Themen und Fragestellungen…? Aus meiner Perspektive lässt sich erst nach Beantwortung dieser Fragen eine adäquate Zukunftsvision von Kirche entwerfen.

Ein Schlüssel dazu liegt für mich in der Beobachtung der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins.
Einige Aspekte dieser Entwicklung will ich in groben Zügen skizzieren.


Anmerkung: Soziologen, Religionswissenschaftler, Theologen, Philosophen und Therapeuten haben in vielen Untersuchungen und Arbeiten den mit dem gesellschaftlichen Wandel einhergehenden Bewusstseinswandel von der traditionalistisch geprägten Gesellschaft zur Postmoderne beschrieben. Neben Berger, Luckmann, Habermas, Jörns wurde für mich in diesem Zusammenhang vor allem die Beschäftigung mit G. Schulze „Erlebnisgesellschaft“, „Die beste aller Welten“ und W. Nelles „Das Leben hat kein Rückwärtsgang“ wichtig.

1.1 Die Entwicklungsstufe des Wir – Bewusstseins

Bis weit über die Mitte des 20. Jh. wurde unser gesellschaftliches Umfeld durch die Dominanz des Wir-Bewusstseins geprägt. Das Hineingeborenwerden in eine bestimmte Familie, Konfession, ein konkretes soziales Milieu bestimmte weitgehend die biografische Entwicklung eines Menschen. Der Sohn eines Bäckers wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Bäcker, um später das elterliche Geschäft weiterzuführen. Die Tradition setzte nicht nur Eckpunkte für Beruf, Konfessionszugehörigkeit und entsprechende Partnerwahl, sondern bot zugleich einen in sich geschlossenen Werte-, Glaubens- und Sinnkosmos, der dem Einzelnen Lebensorientierung bot. Diese festen traditionellen Strukturen des Wir-Bewusstseins, in welche die Einzelbiografien eingebettet werden, sind seit langem in Auflösung begriffen.

1.2. Das Ich – Bewusstsein als gesellschaftsdominierende Entwicklungsstufe

Dieser Prozess ist auf entwicklungspsychologischer Ebene vergleichbar mit der Individuation von Jugendlichen. Um eine eigene Identität, ein eigenes ICH - Bewusstsein entwickeln zu können, ist die Abnabelung vom Elternhaus und eine damit verbundene kritische Auseinandersetzung mit den überkommenen Werten und Weltbildern wichtig. Diese Phase der Pubertät ist die notwendige Übergangsstufe zur Entwicklung einer reifen Persönlichkeit. Auf gesellschaftlicher Ebene befinden wir uns derzeit auf dieser Entwicklungsstufe. D. h. das Ich –Bewusstsein hat eine gesellschaftsprägende Dominanz. Die Idealisierung von Jugendlichkeit, Selbstverwirklichung und Individualität bis hin zu den verschiedenen Emanzipationsbewegungen unserer Tage sind ein Spiegel dieser Entwicklung. Sie enthält ein großes Potential an spielerischer Kreativität, Experimentierfreude, Risikobereitschaft und Flexibilität. Die ideelle Freiheit und Chance, das eigene Leben selbst gestalten und entwickeln zu können birgt zugleich die Last, sich ständig neu erfinden zu müssen.
Der gesellschaftsbeherrschende Handlungsmodus des Wählen-Dürfens zwischen verschiedenen Möglichkeiten - von der Fernbedienung, über Supermarkt bis zu Lebensplanung, Weltanschauung oder Religion - wird allerdings für viele zum selbstüberfordernden Zwang des Sich-Entscheiden-Müssens.
Aufgrund des Sich-Auflösens eines verbindlichen Werte-Glaubens- und Sinnkosmos erscheinen alle Angebote und Antworten auf dem „religiösen Erlebnismarkt“ relativ und austauschbar. Persönliche religiöse Sinnkonstruktionen werden – der individualisierten Lebensgestaltung entsprechend – aus Versatzstücken verschiedener religiöser Traditionen und Kulturkreise zu einer Art individuellen synkretistischen Flickenteppich zusammengesetzt.

Der Imperativ Erlebe dein Leben wird zum Credo persönlicher Lebensgestaltung, Konsumieren zum erlebnisreizstillenden Selbstzweck. Dem auf sich selbst bezogenen Ich-Bewusstsein entspricht die Selbstidentifikation mit dem Haben statt dem Sein.
Das Steigerungsprinzip verbleibt als letzte gesellschaftsverbindende Glaubenskonvention, die alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Das Wachstumsdenken prägt nicht nur Wirtschaft und Finanzsektor - es ist unhinterfragt, dass in einem halben Jahr wieder eine neue Computergeneration auf den Markt geworfen wird… - sondern auch alle anderen Lebensbereiche. Erlebnisreize müssen immer intensiver, größer, einmaliger sein.
Ohne Frage ist das Steigerungsprinzip ein Motor technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung. Aber nicht erst auf dem Hintergrund aktueller Finanz-, Wirtschafts- und Klima-Krisen stellen mehr und mehr Menschen die Frage nach dem Wozu, dem Sinn der „Steigerung“.

1.3. Das Verbundenheits-Bewusstsein als Ausdruck einer reifer gewordenen Gesellschaft

Viele Menschen empfinden das ontologische Defizit einer vom Ich – Bewusstsein und damit letztlich narzistisch geprägten Gesellschaft, in der sich der Einzelne in einem permanenten Kampf um Abgrenzung und Konkurrenz zum anderen sieht.
Sie spüren eine Sehnsucht nach Sinn, eine Sehnsucht nach Sein, welches das Haben übersteigt. Das Entstehen und Wachsen lokaler Nachbarschaftsnetzwerke, neuer sozialer Bewegungen, die zunehmende Faszination und Hinwendung zu Formen östlicher oder schamanischer Spiritualität, wo Körper, Geist und Welt stärker als Einheit wahrgenommen werden, bis hin zur wachsenden Nachfrage nach ganzheitlich ausgerichteten Wellness - und Freizeitangeboten (Urlaub im Kloster, Meditationskurse, Pilgern….), sind Anzeichen und Ausdruck dieser neuen Seinsorientierung. Der Einzelne beginnt sich als Teil dieser Ganzheit zu sehen und zu erkennen, dass die eigentliche Bewegung der Welt – und damit auch sein eigenes Wollen und Handeln – nicht von ihm ausgeht, sondern von dieser Ganzheit. Dieses Verbundenheitsbewusstsein ermöglicht dem Einzelnen, andere Menschen und die gesamte Schöpfung - theologisch ausgedrückt - mit Augen der Liebe Gottes zu sehen. Diese Erfahrung setzt die Erfahrung des Getrenntseins und der Vereinzelung des Ich-Bewusstseins voraus. Das Ich erkennt, dass wir verschiedene Gesichter Desselben sind, individuell zwar und unterschiedlich, aber vom selben Ganzen. Dieses gewandelte Wir beruht nicht auf Tradition und Bindung, sondern auf Einsicht, Vertrauen und Liebe. Es bedeutet kein zurück in das in sich geschlossene System des traditionellen Wir-Bewusstseins, in eine Gruppe, die Geborgenheit gibt.

Zur Bedeutung und Funktion von Kirche auf den verschiedenen Bewusstseinsebenen.
Die drei Bewusstseins-Ebenen prägen die Denk- und Handlungsstrukturen der verschiedenen sozialen Milieus und Szenen, die in der Gesellschaft mehr oder weniger unverbunden nebeneinander existieren, wobei- das Ich – Bewusstsein die Gesellschaft derzeit am stärksten dominiert.
Die institutionalisierte Kirche ist von ihrem traditionellen Selbstverständnis her sehr eng mit den vom Wir-Bewusstsein geprägten sozialen Milieus verbunden. Sie ist Bestandteil und Stütze des das Wir-Bewusstsein konstituierenden in sich geschlossenen Werte-Glaubens- und Sinnkosmos. Für diese, auch in unseren Kerngemeinden beheimateten Menschen, da zu sein, ist eine unbestrittene Aufgabe von Kirche, die das Erscheinungsbild von Kirche vor allem in unseren ländlich geprägten Regionen ausmacht.



Die Menschen, deren Lebenshorizont vom Ich-Bewusstsein geprägt wird, haben mit dem Sich-Herauslösen aus den Bindungen des Wir-Bewusstsein auch die Kirche hinter sich gelassen. Das in sich geschlossene Weltbild des
Wir-Bewusstseins hat seine Plausibilität verloren. Für sie ist Kirche ein kultureller Sinn- und Erlebnisanbieter neben vielen anderen. Hier kann die Aufgabe von Kirche nur darin bestehen, die im Hintergrund des Ich-Bewusstseins vorhandene Sehnsucht nach Sinn wachzuhalten, die aus oft verborgenen Gefühlen von Leere und Beziehungslosigkeit erwächst.

Diese Sehnsucht ist der Motor für die Weiterentwicklung zum Verbundenheits-Bewusstseins. Menschen, die sich an dieser Stelle auf die Suche begeben, finden ihre Antworten nicht im fest geprägten Kosmos des traditionellen Wir-Bewusstseins. Um Anknüpfungspunkte für diese Suchenden (spirituellen Sucher) zu schaffen, bedarf es einer Neuausrichtung unseres theologischen und gemeindepraktischen Denkens.
Im Zentrum steht für mich dabei die zentrale Botschaft Jesu von der befreienden Liebe Gottes, deren universeller Anspruch die verschiedenen Konfessionen, religiösen Traditionen und Kulturen miteinander verbindet. Es gibt viele verschiedene Wahrnehmungsspuren Gottes in der Welt. Eben so viele Arten und Formen gibt es, von Gott zu reden. Die Bibel hat einige dieser Zeugnisse zusammengefügt, die zur Grundlage unserer christlich geprägten abendländischen Kultur wurden. Dass unsere Glaubensbilder auf dieser biblischen Grundlage beruhen, darf uns nicht daran hindern, anzuerkennen, dass es eine sehr große Vielfalt an Zeugnissen göttlichen Wirkens in der Welt gibt, die es lohnt, zu entdecken und miteinander ins Gespräch zu bringen. Diese prinzipielle Offenheit entspricht der Bewusstseinsebene der spirituellen Sucher, die sich auf den Weg vom Ich-Bewusstsein zum Verbundenheits - Bewusstsein befinden. Kirche kann Begleiterin auf diesem Weg sein, indem sie selbst Suchende ist und die Antworten der eigenen Tradition kritisch hinterfragt. In Anknüpfung an ihre eigene mystische Tradition und der gleichzeitigen inneren Öffnung gegenüber theologischen und spirituellen Impulsen aus anderen Kulturen und Religionen kann sie spirituelle Erfahrungsräume zur Verfügung stellen, die das Verbundenheitsbewusstsein erlebbar machen. Dies geschieht heute oft jenseits traditioneller Gottesdienste im Bereich der klassischen Kirchenmusik, bis hin zu experimentellen Text- und Musikprojekten, speziellen Themen- und Rockgottesdiensten….
Theologisch ist das Verbundenheits-Bewusstsein eng mit dem biblisch -jesuanischen Ansatz von der Gotteskindschaft aller Menschen verbunden. In einer schöpfungstheologischen Erweiterung umfasst diese Verbundenheit mit Gott, dem Urgrund allen Seins, alle Geschöpfe, die gesamte Schöpfung. Das Ich als Kind Gottes nimmt sich als Teil der Schöpfung wahr und weiß sich innerlich verbunden mit allem Seienden.
Daraus erwächst eine Lebensperspektive, die über das Ich-Bewußtsein hinausreicht und die in der Lage ist, Menschen und Schöpfung mit den Augen der Liebe Gottes wahrzunehmen. Das diakonische Handeln von Kirche und Gemeinden ist Symbol dieser inneren Verbundenheit mit Menschen und Schöpfung. Zugleich war das Verbundenheits- Bewusstsein ein wichtiger Motor in der Bewegung des konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Das Engagement gemeindlicher Suppenküchen, Wärmestuben und Kleiderbörsen, von Eine-Welt, Friedens- und Umweltgruppen bis zu aktuellen Flüchtlingsinitiativen und dem Forum „anders wachsen“ wird durch dieses Verbundenheitsbewusstsein getragen.

Wenn wir über kirchliches Handeln in unserer Landeskirche nachdenken, sollten wir im Blick auf die zur Verfügung stehenden Kräfte und Ressourcen vor allem in diejenigen Bereiche und Arbeitsfelder investieren, die die Herausbildung dieses zutiefst der Botschaft Jesu entsprechende Verbundenheits – Bewusstsein fördern.


II. Herausforderung Migration - Kollision der Bewusstseinskonzepte

Die Migrationsbewegung der Gegenwart, die derzeit in der Frage nach der Integration von Flüchtlingen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Kulturen kulminiert, führt nicht nur zu einem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen, Ethnien, Religionen und Weltanschauungen, sondern vor allem zu einer Kollision verschiedener Bewusstseinskonzepte.
Die große Mehrheit der aus Syrien, Afghanistan und Eritrea stammenden Flüchtlinge und Asylsuchenden kommen aus traditionellen muslimischen Gesellschaften, die dem klassischen Wir-Bewusstsein entsprechen. Familie, Sippe, Konfession bestimmen den identitätsstiftenden Wert - und Sinnkosmos des Einzelnen.
Die derzeit dominierenden Islamrezeptionen sind zutiefst mit der Ebene des klassischen Wir-Bewusstseins verbunden. Dem entspricht ein in sich geschlossenes Werte und Sinn-Konzept, das nicht auf Dialog und Auseinandersetzung mit anderen Sinnkonzepten ausgelegt ist. Eine liberale und dialogfähige Islamrezeption ist erst als zartes Pflänzchen im europäisch-westlichen Wissenschaftskontext im Entstehen und hat noch sehr wenig identitätsbildende Prägekraft.
Die Asylsuchenden treffen hier auf das Ich-Bewusstsein der Postmoderne, das durch Pluralismus, die Suche nach individueller Selbstverwirklichung und Loslösung von den traditionellen Werte- und Sinnkonzepten der Väter - und Großmüttergenerationen geprägt ist.
Neben den erlittenen traumatischen Erfahrungen von Zerstörung, Gewalt und Flucht empfinden viele Flüchtlinge das Hineingeworfenwerden in eine vom Ich-Bewusstsein dominierte Gesellschaft als große Verunsicherung und Bedrohung. Die Grundfesten ihrer vom Wir-Bewusstsein geprägte Identität werden in Frage gestellt, was Abwehr bewirkt. Daraus erwachsen verschiedene Strategien, um das Selbstbild zu schützen. Eine Strategie besteht in der inneren Emigration und der damit verbundenen Suche nach Beheimatung in traditionellen islamischen Parallelgesellschaften hier in Deutschland.
Zum Wir-Konzept vieler Migranten gehört die Vorstellung, dass so wie jedes Kind in der verlassenen Heimat als Muslim oder Muslima geboren wird, in Deutschland jeder Mensch als Christ oder Christin aufwächst.
Für eine weitere Gruppe der Migranten erwächst daraus die Bereitschaft zu konvertieren und sich taufen zu lassen, um damit die Zugehörigkeit zur Gesellschaft des Gastgeberlandes zu unterstreichen. Für einen Teil dieser Gruppe erscheinen Kirchen und Gemeinschaften fundamentalistischer Prägung besonders attraktiv, weil deren Weltbild und Selbstkonstruktion ebenfalls im Wir-Bewusstsein verankert sind.

Wie nun kann auf dieser Folie ein wirklicher Brückenschlag zwischen dem traditionellen muslimisch geprägte Wir-Bewusstsein der Migranten und der vom Ich-Bewusstsein dominierten Mehrheitsgesellschaft in Deutschland gelingen?
Die Erfahrungen aus der Flüchtlingsarbeit der letzten Jahre belegen, dass Integration nur über eine intensive Beziehungsarbeit geschehen kann. Neben einer existenzsichernden Grundversorgung, neben Sprachkursen und Bildungszugängen liegt der Schwerpunkt auf einer vorurteilsfreien Beziehungsarbeit, in der sich die Partner auf Augenhöhe begegnen. Nicht zuletzt hat sich in der traumatherapeutischen Arbeit mit Flüchtlingen gezeigt, dass deren Erfolg von der Qualität einer vertrauensbasierten bewertungsfreien Beziehung abhängig ist. Damit solche Beziehungen über den therapeutischen Bereich hinaus entstehen können, sind Patenschaften zwischen Deutschen und Flüchtlingen, wie sie im Rahmen der Willkommenskultur der letzten Jahre entstanden sind, unverzichtbar. Neben materieller und struktureller Unterstützung liegt die Chance persönlicher Patenschaften vor allem in einer kulturellen Begegnung auf Augenhöhe.
Ein wechselseitiges Verstehen unterschiedlicher Bewusstseinskonzepte gelingt nicht durch einen rationalen Diskurs über Welt-, Wert- und Glaubensvorstellungen, sondern nur über biografischen Austausch in einer respektvollen, wertungsfreien und offenherzigen Atmosphäre. Es geht darum, sich wechselseitig seine Lebensgeschichten zu erzählen und dadurch zu einem tieferen Verständnis des jeweils anderen Bewusstseinskonzepts zu gelangen. Nach einer ersten Phase der materiellen Grundversorgung wird die erfolgreiche Integration von Migranten vom Gelingen eines solchen gesellschaftlichen Gesprächsprozesses abhängen. Einen solchen Gesprächsprozess zu initiieren darf nicht allein den Trägern der Flüchtlingsarbeit überlassen werden. Dazu bedarf es eines gesamtgesellschaftlichen Impulses, der von Politik, Verbänden und Kirchen getragen wird.



III. Gegenwärtige Spannungen in Gesellschaft und Kirche als Ausdruck des Konflikts zwischen den Bewusstseinsebenen

Durch die Flüchtlingskrise und die damit verbundene Verschärfung der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen wurde die Spannung zwischen den verschiedenen Bewusstseinskonzepten in unserer Gesellschaft offensichtlich.
Die Szenen und Milieus, die den verschiedenen Bewusstseinskonzepten zuzuordnen sind, existieren seit langem nebeneinander, wobei sie sich von einander abgrenzen. Berührungen und Überschneidungen werden vermieden. Auch wenn das Ich-Bewusstsein derzeit die Mehrheitsgesellschaft dominiert, ist das klassische Wir-Bewusstsein vielerorts präsent und prägt nach wie vor das Lebensgefühl vor allem in ländlichen Regionen. Es manifestiert sich in Traditionsvereinen, aber auch in Sportclubs und traditionalistischen Kirchgemeinden. Ein Grundmotiv des Wir-Bewusstseins als Reaktion auf die zunehmende gesellschaftliche Dominanz des Ich-Bewusstseins ist Angst: Angst vor Veränderungen, Angst vor der Auflösung traditioneller Erwerbs -, Familien- Partnerschafts- und Lebensstrukturen, Angst vor der Relativierung des eigenen Wert- und Sinn-Kosmos, Angst vor kultureller und religiöser „Überfremdung“.
Tatsächlich ist der gesellschaftliche Wandel seit Jahrzehnten in vollem Gange, der sich auf der Bewusstseinsebene im Wandel vom Wir – zum Ich-Bewusstsein als gesellschaftlich-dominierendes Konzept manifestiert. Das kann man gut oder schlecht finden. Das Modell der Evolution des menschlichen Bewusstseins beschreibt lediglich die Realität, in der wir leben.

Als Spiegel dieser Realität lassen sich auch die Spannungen in der sächsischen Landeskirche betrachten, die sich wohl am stärksten in der Polarisierung zwischen der konservativ-fundamentalistisch ausgerichteten Bekenntnisinitiative und dem liberal-pluralistisch geprägten Forum „Fromm und Frei“ manifestieren. Die Bekenntnisinitiative wäre nach unserem Modell dem klassischen Wir-Bewusstsein zuzuordnen, während „Fromm und Frei“ das Ich- und Verbundenheitsbewusstsein repräsentiert.
Die Entschärfung dieses Konflikts kann - wie bei der Frage nach der Integration von Flüchtlingen – nur in persönlichen Begegnungen auf Augenhöhe geschehen. Dafür werden Begegnungsräume gebraucht, in denen wechselseitig die individuellen Glaubens- und Lebensgeschichten erzählt, gehört und gewürdigt werden können. Voraussetzung dafür ist eine Atmosphäre vorurteils- und bewertungsfreien Zuhörens und Redens. Hier geht es nicht darum, Recht zu haben, sondern die subjektive und emotionale Glaubensgeschichte des jeweils anderen als individuellen Entwicklungsprozess zu verstehen, zu würdigen, zu respektieren.
Die Auseinandersetzung über Lehrmeinungen, Bibelauslegungen und Dogmen ist wichtig für die Weiterentwicklung unserer theologischen Grundlagen. Unsere individuellen Bewusstseinskonzepte speisen sich aber aus weit mehr als intellektuellen Positionsbestimmungen. Sie werden vor allem durch intensive emotionale Erfahrungen in der eigenen Biografie, der eigenen Lebensgeschichte geprägt.

Auf die Frage nach Impulsen für die Integration von Migranten, wie auch im Blick auf die derzeit unsere Gesellschaft wie auch unsere Kirche polarisierenden Spannungen zwischen den verschiedenen Bewusstseinskonzepten wird es keine schnellen politischen, strategischen oder philosophisch-intellektuellen Lösungen geben.
Es geht um ein wechselseitiges vorurteilsfreies Wahrnehmen und Verstehen. Der Kirche könnte an dieser Stelle die Aufgabe zufallen, Vorreiter und Vorbild für einen solchen biografiebezogenen Gesprächsprozess zu sein und Räume und Formate anzubieten und zu entwickeln, in denen eine solche vertrauensvolle und von gegenseitigem Respekt getragenen Gesprächskultur wachsen kann.



Henning Olschowsky
Pfarrer in Mutzschen

November 2016