Bericht

Hallo ihr Lieben!

Seit über einem Monat streife ich schon wieder durch deutsche nasskalte Gefilde, mein Körper ist angekommen, mein Herz immer noch nicht ganz, es liegt in Indien in einer Hängematte zwischen zwei Palmen oder erzählt den Kindern Geschichten.

Der Abschied von meinem Projekt (der Schule „Kalkeri Sangeet Vidyalaya“ auf einem Berg im Dschungel in Südindien im Bundesstaat Karnataka) ,das gleichzeitig meine indische Großfamilie war, war nicht leicht. „Why are you going?“ und „When are you coming back?“ haben sie mich gefragt und ich habe keine wirklichen Antworten gehabt.

Nun bin ich aber zurück in Deutschland und möchte meine Zeit in Indien, meine bunten Erlebnisse nochmal durch meinen Kopf und über die Tastatur wandern lassen.

Ich sag dem Leben Danke, dass es mich in dieses Projekt dirigiert hat, ich habe mich dort so wohl gefühlt. Kalkeri Sangeet Vidyalaya ist eine Schule für Kinder aus sehr armen Verhältnissen, 180 Kinder leben und lernen dort. Vormittags haben sie Musikunterricht (Gesang, Sitar, Tabla, Bansuri, Violine) und nachmittags akademischen Unterricht, den sie zum Teil von indischen Lehrern und zum Teil von Freiwilligen erhalten. Es ist schön, von Musik umgeben zu sein und den Tag über von Musik begleitet zu werden. Nur morgens um fünf durch hindustanisch-klassische durchdringende Gesangseinlagen eines ambitionierten Schülers aus seinen Träumen geschubst zu werden, da hätte ich manchmal drauf verzichten können, aber auch daran gewöhnt man sich. Selbst habe ich ja auch Tabla (indische Trommel) und Gesangunterricht genommen, was wirklich großen Spaß gemacht hat. Ich durfte sogar bei einem der monatlichen Schulkonzerte auftreten, wobei ich so aufgeregt war, dass meine Stimme gezittert hat und sich mein Gesang somit echt indisch angehört hat.

Meine Arbeit als Kunstlehrerin für die 1. bis 10. Klasse hat mir riesigen Spaß gemacht. Am Anfang waren zwar nicht viel mehr Materialien als ein paar Buntstifte da, aber ich konnte, auch durch ein paar Spenden, viele Materialien kaufen , so dass wir wirklich schöne Projekte mit den Kindern machen konnten. Mir war ja zum Glück jeglicher Freiraum in meiner Unterrichtsgestaltung gelassen, nicht wie bei den Freiwilligen die zum Beispiel Englischlehrer waren und sich an einen Lehrplan und ein wirklich lächerlich schlechtes indisches Schulbuch halten mussten. Meistens war ich eine glückliche Lehrerin und meine Schüler glückliche Schüler, so hatte ich den Eindruck. Was jedoch manchmal wirklich herausfordernd war, war die Kreativität aus den Schülern heraus zu kitzeln. Denn Kreativität und eigene Ideen sind etwas, was im indischen Schulsystem, welches größtenteils auf bloßes Reproduzieren und Auswendiglernen ausgerichtet ist, nicht gerade gefördert wird und für die Schüler wirklich ungewohnt ist.

Ein Jahr lang unter einfachen Bedingungen zu leben hat mich nicht im Geringsten gestört, der ganze Luxus von zu Hause ist schnell vergessen. Duschen unter freiem Himmel mit einem großen Wassereimer; Wäsche mit der Hand waschen; Teller mit Asche waschen; den Boden regelmäßig mit frischem Kuhmist ausbessern; in einer Hütte( aus Bambus und Matsch gemacht) wohnen, die akustisch vor keinem schnarchenden Nachbarn und nachtjaulenden Hunden abschirmt…sogar diese nervigen Affen vermisse ich jetzt, von denen ich regelmäßig dadurch geweckt wurde, dass ein Affe den Dachziegel über meinem Bett abdeckt, seinen Kopf ins Zimmer steckt und mich anknurrt, weil er gerne rein möchte um meine Essenskiste zu plündern, auf die ich aber schon vorsorglich einen riesengroßen Stein gelegt habe. In der Regenzeit (ooh, ein Kapitel für sich, viel Schlamm und Schimmel jedenfalls) wird es dann durch diese Löcher im Dach ins Zimmer regnen und die Kröten fühlen sich sehr wohl. Auch die Skorpione und Geckos haben in meinem Zimmer ein zu Hause gefunden…naja, über die Tierwelt in Indien könnte ich viel berichten.

Indien ist ein Land für alle Sinne. Es ist nicht möglich, unberührt und unbeteiligt oder gar gelangweilt durch die Straßen zu gehen, denn ständig wird man akustisch, optisch, geruchlich attackiert und verführt. Am Straßenrand sitzt eine Frau und fädelt frische Blüten auf einen Faden, jemand schneidet Mangos zum Probieren auf, es duftet nach Gewürzen und Räucherstäbchen weil der Busfahrer bevor er in den Bus steigt eine kleine Puja (religiöse Zeremonie) vor dem Shivabild macht, eine Kuh hat es sich mitten auf der Straße bequem gemacht, der Straßenverkehr arrangiert sich laut hupend und dröhnend um sie herum wie zum Beispiel die fünfköpfige Familie auf einem Motorrad, an einer Ampel steht neben Autos, Motorrädern und Traktoren auch noch ein klappriger Ochsenkarren, auf einmal riecht es bestialisch weil mal wieder ein Müllberg am Straßenrand abgebrannt wird, ein schmuddeliges Kind zupft dich am Ärmel und bettelt um Geld, ein Leprakranker ohne Beine kriecht auf dem Busbahnhof zwischen den Menschen umher, im Dorf werden hunderte Chilischoten vor einer Haustür getrocknet, fünf zahnlose Männer sitzen im Kreis auf dem Boden am Dorfplatz und spielen Karten, vom Tempel her tönen Gesänge…

Ich bin wirklich froh, dass ich die Möglichkeit hatte ein Jahr lang ein Teil der indischen Kultur zu sein, und zwar nicht einer für Touristen gemachten, wie ich an einigen touristischen Zielen in Indien das Gefühl hatte. Die Region, in der mein Projekt gelegen ist, ist überhaupt nicht touristisch und so waren wir Freiwilligen im Projekt oftmals die einzigen Ausländer weit und breit. Das kann schön sein, weil man einfach einen unverfälschten Eindruck ins indische Alltagsleben erhält, aber es kann auch ungemein anstrengend sein, Ausländer und weiß zu sein, denn man steht so oft im Zentrum der Aufmerksamkeit und wird angestarrt. Das ist kein gutes Gefühl, denn man fühlt sich so außerirdisch, die Inder/innen wollen Fotos mit einem machen( ich war einmal in Delhi im Zoo und bin die ganze Zeit vor Indern geflüchtet, die Fotos von mir machen wollten, ich fühlte mich selbst wie ein Zootier) und das, obwohl man doch nun schon mehrere Monate im Land lebt, nicht Tourist sondern irgendwie mehr ist, sich an die Kultur anpasst durch Kleidung, Verhalten usw. Schwierig war es auch wenn ich einschätzen musste, ob einem gerade echte Sympathie entgegengebracht wird oder ob es nur daran liegt, dass du weiß bist oder jemand versuchen will, bei dir an Geld zu kommen, vor allem an touristischen Orten.

Auf der anderen Seite wurde mir jedoch auch extrem viel Hilfsbereitschaft zu Teil, immer wenn ich Hilfe brauchte, habe ich sie bekommen. Es war auch so wunderbar die indische Gastfreundschaft zu erfahren, andauernd zum Chai und zum Essen eingeladen zu werden und Dinge erklärt und gezeigt zu bekommen. Als ich zum Beispiel im Himalaya wandern war und durch ein Bergdorf lief, rannte mir eine runzelige kleine Oma hinterher und lud mich in ihr Haus zum Chai trinken ein. Ihre Tochter, die Englisch sprach, erzählte mir dann, dass ihre Mutter es nicht gerne hat, dass ich als Mädchen allein durchs Gebirge wandere und so luden sie mich ein , bei ihnen zu schlafen und am nächsten Morgen wanderte die ganze Familie mit mir zusammen weiter. Eine so herzliche und überschwängliche Gastfreundschaft habe ich in Deutschland noch nicht erlebt. Ich hatte das Gefühl, die Inder/innen sind in ihrem Alltag viel kommunikativer als die Menschen hier, Fremde werden sofort angesprochen alle reden miteinander, im Bus, im Zug, auf dem Dorfplatz…das Leben findet viel mehr draußen statt und nicht so sehr in den eigenen vier Wänden, was sicher auch mit dem warmen Klima zusammenhängt. Die Privatsphäre wird in Indien nicht besonders groß geschrieben, das hat mir anfangs etwas zu schaffen gemacht doch ich hab gelernt mir Raum und Zeit für mich zu nehmen ,wenn ich es brauchte.

Ich hatte oft den Eindruck, dass das Leben in Indien leichter genommen wird, nicht so viel Verbissenheit herrscht. In der Sprache Hindi ist das Wort für Gestern und Morgen dasselbe, das ist vielleicht ein ganz gutes Bild für das Leben im Moment, auf das ich manchmal neidisch war, denn wir neigen in unserer Westlichen Gesellschaft ja schon sehr dazu, uns viele Sorgen um unsere Zukunft zu machen.

Was im indischen Leben jedoch stets ein großes Problem für mich darstellte, ist das Frauenbild. Zum einen, die Dinge, die mich direkt betroffen haben und die ich erfahren habe, wie zum Beispiel, dass ich im Restaurant als Frau vom Kellner komplett ignoriert wurde und nur die Männer angesprochen wurden, dass ich mich durch die hautbedeckende Kleiderordnung eingeschränkt und gegenüber den Männern benachteiligt fühlte, dass viele Themen tabuisiert werden und Übergriffe wie berührt werden in dichtgedrängten Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln, welche nicht sehr häufig, aber doch immer mal vorkamen. Zum anderen indirekt, wie täglich in der Zeitung von gewalttätigen Übergriffen an Frauen zu lesen ( was ja Indien trauriger Weise auch im Moment international in die Medien bringt) oder zu sehen, dass in den höheren Klassenstufen fast keine Mädchen mehr vertreten sind, weil diese schon aus der Schule genommen wurden um verheiratet zu werden oder im Haushalt zu helfen.









Im Oktober habe ich meine Nordindienreise unternommen. Eine Woche lang war ich mit zwei anderen Freiwilligen unterwegs, die übrige Zeit jedoch auf eigene Faust, was schon eine große Herausforderung für mich war aber mich sehr bereichert hat. Angefangen hat die Reise in Mumbai, von da ging es in den Bundesstaat Rajastan, wo ich eine Kamelsafari durch die Wüste unternommen habe. , von dort bin ich nach Delhi gefahren, danach in die Ausläufer des Himalaya im Bundestaat Himachal Pradesh. Hier bin ich von Bergdorf zu Bergdorf gewandert mit einer handgemalten Karte denn es gab nirgendwo eine professionelle Wanderkarte zu kaufen. An Weggabelungen war auch nur sehr selten etwas ausgeschildert, so dass ich öfters auf den nächsten Schafhirten warten musste um ihn nach dem Weg zu fragen. Ein Höhepunkt war auch auf jeden Fall in Mc Leod Ganj (der Residenz des Dalai Lama) den Dalai Lama zu sehen und einem seiner Teachings beizuwohnen, was ich gar nicht geplant hatte und sich einfach zufällig ergeben hat. Ich saß abends in einem Restaurant und ein buddhistischer Mönch an meinem Tisch meinte zu mir, der Dalai Lama wäre gerade in der Stadt und gebe ein Teaching, ich solle doch morgen vorbeikommen, es würde mir Glück bringen. J

Ja, das war nur ein kleiner Abriss meines Lebens in Indien, ich bin für alle Fragen offen, ob schriftlich oder telefonisch oder persönlich.

Und hier die Internetseite des Projektes:

http://www.ksv.org.in/



Eure Lea