Gemeindekonzeption

Skizzen einer theologischen Standortbestimmung zwischen traditionalistischem Gemeindeverständnis und postmodernem Lebensgefühl – eine persönliche Perspektive

Das gesellschaftliche Umfeld in dem ich lebe und arbeite, ist einem permanenten Wandlungsprozess unterworfen, dessen Dynamik in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Mit immer wieder neuen Konzeptionen, Zukunftswerkstätten und Struktur-
anpassungen versuchten wir auf diesen Veränderungsprozess zu reagieren. Trotz allen Bemühens habe ich das Gefühl, mit unseren Angeboten immer weniger im Lebensalltag der Menschen vorzukommen. Über den zunehmenden Bedeutungsverlust institutionalisierter Kirche vermögen auch gut besuchte Heiligabend- oder Eventgottesdienste nicht hinwegzu- täuschen. Die einschlägigen religionssoziologischen Untersuchungen der letzten Jahre – von der Sinusstudie bis zur EKD-Mitgliederbefragung – belegen diesen Trend mit eindeutigen Fakten und Zahlen. Im Blick auf anstehende Reformen spüre ich in Gemeinden und Mitarbeiterschaft die Angst, Engagement und Kräfte in einem ermüdenden Aktivismus zu verschleißen. Zugleich sehe ich auch im Blick auf meine eigenen Arbeitsstrukturen, dass oft unverhältnismäßig viel Energie in die Aufrechterhaltung von Angeboten investiert wird, die nur von einem Bruchteil der sogenannten traditionsverwurzelten Kerngemeinde in Anspruch genommen werden, während kaum Ressourcen da sind, um den übergroßen Rest der Menschen in den Blick zu nehmen. Ich höre den sarkastischen Vorwurf an Kirchen und damit an meine eigene Arbeit, Antworten zu geben auf Fragen, die keiner gestellt hat.
Welche Fragen aber bewegen die Menschen? Welche Bedürfnisse haben Sie? Welche Milieus oder Szenen sind überhaupt und in welcher Weise ansprechbar für religiöse Themen und Fragestellungen…? Aus meiner Perspektive lässt sich erst nach Beantwortung dieser Fragen eine adäquate Zukunftsvision von Kirche in unserem Kirchenbezirk entwerfen.

Ein Schlüssel dazu liegt für mich in der Beobachtung der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins.
Einige Aspekte dieser Entwicklung will ich in groben Zügen skizzieren.





Anmerkung: Soziologen, Religionswissenschaftler, Theologen, Philosophen und Therapeuten haben in vielen Untersuchungen und Arbeiten den mit dem gesellschaftlichen Wandel einhergehenden Bewusstseinswandel von der traditionalistisch geprägten Gesellschaft zur Postmoderne beschrieben. Neben Berger, Luckmann, Habermas, Jörns wurde für mich in diesem Zusammenhang vor allem die Beschäftigung mit G. Schulze „Erlebnisgesellschaft“, „Die beste aller Welten“ und W. Nelles „Das Leben hat kein Rückwärtsgang“ wichtig.
Die Entwicklungsstufe des Wir – Bewusstsein

Bis weit über die Mitte des 20. Jh. wurde unser gesellschaftliches Umfeld durch die Dominanz des Wir-Bewusstseins geprägt. Das Hineingeborenwerden in eine bestimmte Familie, Konfession, ein konkretes soziales Milieu bestimmte weitgehend die biografische Entwicklung eines Menschen. Der Sohn eines Bäckers wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Bäcker, um später das elterliche Geschäft weiterzuführen. Die Tradition setzte nicht nur Eckpunkte für Beruf, Konfessionszugehörigkeit und entsprechende Partnerwahl, sondern bot zugleich einen in sich geschlossenen Werte-, Glaubens- und Sinnkosmos, der dem Einzelnen Lebensorientierung bot. Diese festen traditionellen Strukturen des Wir-Bewusstseins, in welche die Einzelbiografien eingebettet werden, sind seit langem in Auflösung begriffen.

2. Das Ich – Bewusstsein als gesellschaftsdominierende Entwicklungsstufe

Dieser Prozess ist auf entwicklungspsychologischer Ebene vergleichbar mit der Individuation von Jugendlichen. Um eine eigene Identität, ein eigenes ICH - Bewusstsein entwickeln zu können, ist die Abnabelung vom Elternhaus und eine damit verbundene kritische Auseinandersetzung mit den überkommenen Werten und Weltbildern wichtig. Diese Phase der Pubertät ist die notwendige Übergangsstufe zur Entwicklung einer reifen Persönlichkeit. Auf gesellschaftlicher Ebene befinden wir uns derzeit auf dieser Entwicklungsstufe. D. h. das Ich –Bewusstsein hat eine gesellschaftsprägende Dominanz. Die Idealisierung von Jugendlichkeit, Selbstverwirklichung und Individualität bis hin zu den verschiedenen Emanzipationsbewegungen unserer Tage sind ein Spiegel dieser Entwicklung. Sie enthält ein großes Potential an spielerischer Kreativität, Experimentierfreude, Risikobereitschaft und Flexibilität. Die ideelle Freiheit und Chance, das eigene Leben selbst gestalten und entwickeln zu können birgt zugleich die Last, sich ständig neu erfinden zu müssen.
Der gesellschaftsbeherrschende Handlungsmodus des Wählen-Dürfens zwischen verschiedenen Möglichkeiten - von der Fernbedienung, über Supermarkt bis zu Lebensplanung, Weltanschauung oder Religion - wird allerdings für viele zum selbstüberfordernden Zwang des Sich-Entscheiden-Müssens.
Aufgrund des Sich-Auflösens eines verbindlichen Werte-Glaubens- und Sinnkosmos erscheinen alle Angebote und Antworten auf dem „religiösen Erlebnismarkt“ relativ und austauschbar. Persönliche religiöse Sinnkonstruktionen werden – der individualisierten Lebensgestaltung entsprechend – aus Versatzstücken verschiedener religiöser Traditionen und Kulturkreise zu einer Art individuellen synkretistischen Flickenteppich zusammengesetzt.

Der Imperativ Erlebe dein Leben wird zum Credo persönlicher Lebensgestaltung, Konsumieren zum erlebnisreizstillenden Selbstzweck. Dem auf sich selbst bezogenen Ich-Bewusstsein entspricht die Selbstidentifikation mit dem Haben statt des Seins.
Das Steigerungsprinzip verbleibt als letzte gesellschaftsverbindende Glaubenskonvention, die alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Das Wachstumsdenken prägt nicht nur Wirtschaft und Finanzsektor - es ist unhinterfragt, dass in einem halben Jahr wieder eine neue Computergeneration auf den Markt geworfen wird… - sondern auch alle anderen Lebensbereiche. Erlebnisreize müssen immer intensiver, größer, einmaliger sein.
Ohne Frage ist das Steigerungsprinzip ein Motor technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung. Aber nicht erst auf dem Hintergrund aktueller Finanz-, Wirtschafts- und Klima-Krisen stellen mehr und mehr Menschen die Frage nach dem Wozu, dem Sinn der „Steigerung“.



Das Verbundenheits-Bewusstsein als Ausdruck einer reifer gewordenen Gesellschaft
Viele Menschen empfinden das ontologische Defizit einer vom Ich – Bewusstsein und damit letztlich narzistisch geprägten Gesellschaft, in der sich der Einzelne in einem permanenten Kampf um Abgrenzung und Konkurrenz zum anderen sieht.
Sie spüren eine Sehnsucht nach Sinn, eine Sehnsucht nach Sein, welches das Haben übersteigt. Das Entstehen und Wachsen lokaler Nachbarschaftsnetzwerke, neuer sozialer Bewegungen, die zunehmende Faszination und Hinwendung zu Formen östlicher oder schamanistischer Spiritualität, wo Körper, Geist und Welt stärker als Einheit wahrgenommen werden, bis hin zur wachsenden Nachfrage nach ganzheitlich ausgerichteten Wellness - und Freizeitangeboten (Urlaub im Kloster, Meditationskurse, Pilgern….), sind Anzeichen und Ausdruck dieser neuen Seinsorientierung. Der Einzelne beginnt sich als Teil dieser Ganzheit zu sehen und zu erkennen, dass die eigentliche Bewegung der Welt – und damit auch sein eigenes Wollen und Handeln – nicht von ihm ausgeht, sondern von dieser Ganzheit. Dieses Verbundenheitsbewusstsein ermöglicht dem Einzelnen, andere Menschen und die gesamte Schöpfung - theologisch ausgedrückt - mit Augen der Liebe Gottes zu sehen. Diese Erfahrung setzt die Erfahrung des Getrenntseins und der Vereinzelung des Ich-Bewusstseins voraus. Das Ich erkennt, dass wir verschiedene Gesichter Desselben sind, individuell zwar und unterschiedlich, aber vom selben Ganzen. Dieses gewandelte Wir beruht nicht auf Tradition und Bindung, sondern auf Einsicht, Vertrauen und Liebe. Es bedeutet kein zurück in das in sich geschlossene System des traditionellen Wir-Bewusstseins, in eine Gruppe, die Geborgenheit gibt.

Zur Bedeutung und Funktion von Kirche auf den verschiedenen Bewusstseinsebenen.
Die drei Bewusstseins-Ebenen prägen die Denk- und Handlungsstrukturen der verschiedenen sozialen Milieus und Szenen, die in der Gesellschaft mehr oder weniger unverbunden nebeneinander existieren, wobei- das Ich – Bewusstsein die Gesellschaft derzeit am stärksten dominiert.
Die institutionalisierte Kirche ist von ihrem traditionellen Selbstverständnis her sehr eng mit den vom Wir-Bewusstsein geprägten sozialen Milieus verbunden. Sie ist Bestandteil und Stütze des das Wir-Bewusstsein konstituierenden in sich geschlossenen Werte-Glaubens- und Sinnkosmos. Für diese, auch in unseren Kerngemeinden beheimateten Menschen, da zu sein, ist eine unbestrittene Aufgabe von Kirche, die das Erscheinungsbild von Kirche vor allem in unseren ländlich geprägten Regionen ausmacht.

Die Menschen, deren Lebenshorizont vom Ich-Bewusstsein geprägt wird, haben mit dem Sich-Herauslösen aus den Bindungen des Wir-Bewusstsein auch die Kirche hinter sich gelassen. Das in sich geschlossene Weltbild des Wir-Bewusstseins hat seine Plausibilität verloren. Für sie ist Kirche ein kultureller Sinn- und Erlebnisanbieter neben vielen anderen. Hier kann die Aufgabe von Kirche nur darin bestehen, die im Hintergrund des Ich-Bewusstseins vorhandene Sehnsucht nach Sinn wachzuhalten, die aus oft verborgenen Gefühlen von Leere und Beziehungslosigkeit erwächst.

Diese Sehnsucht ist der Motor für die Weiterentwicklung zum Verbundenheits-Bewusstseins. Menschen, die sich an dieser Stelle auf die Suche begeben, finden ihre Antworten nicht im fest geprägten Kosmos des traditionellen Wir-Bewusstseins. Um Anknüpfungspunkte für diese Suchenden (spirituellen Sucher) zu schaffen, bedarf es einer Neuausrichtung unseres theologischen und gemeindepraktischen Denkens.
Im Zentrum steht für mich dabei die zentrale Botschaft Jesu von der befreienden Liebe Gottes, deren universeller Anspruch die verschiedenen Konfessionen, religiösen Traditionen und Kulturen miteinander verbindet. Es gibt viele verschiedene Wahrnehmungsspuren Gottes in der Welt. Eben so viele Arten und Formen gibt es, von Gott zu reden. Die Bibel hat einige dieser Zeugnisse zusammengefügt, die zur Grundlage unserer christlich geprägten abendländischen Kultur wurden. Dass unsere Glaubensbilder auf dieser biblischen Grundlage beruhen, darf uns nicht daran hindern, anzuerkennen, dass es eine sehr große Vielfalt an Zeugnissen göttlichen Wirkens in der Welt gibt, die es lohnt, zu entdecken und miteinander ins Gespräch zu bringen. Diese prinzipielle Offenheit entspricht der Bewusstseinsebene der spirituellen Sucher, die sich auf den Weg vom Ich-Bewusstsein zum Verbundenheits - Bewusstsein befinden. Kirche kann Begleiterin auf diesem Weg sein, indem sie selbst Suchende ist und die Antworten der eigenen Tradition kritisch hinterfragt. In Anknüpfung an ihre eigene mystische Tradition und der gleichzeitigen inneren Öffnung gegenüber theologischen und spirituellen Impulsen aus anderen Kulturen und Religionen kann sie spirituelle Erfahrungsräume zur Verfügung stellen, die das Verbundenheitsbewusstsein erlebbar machen. Dies geschieht heute oft jenseits traditioneller Gottesdienste im Bereich der klassischen Kirchenmusik, bis hin zu experimentellen Text- und Musikprojekten, speziellen Themen- und Rockgottesdiensten….
Theologisch ist das Verbundenheits-Bewusstsein eng mit dem biblisch -jesuanischen Ansatz von der Gotteskindschaft aller Menschen verbunden. In einer schöpfungstheologischen Erweiterung umfasst diese Verbundenheit mit Gott, dem Urgrund allen Seins, alle Geschöpfe, die gesamte Schöpfung. Das Ich als Kind Gottes nimmt sich als Teil der Schöpfung wahr und weiß sich innerlich verbunden mit allem Seienden.
Daraus erwächst eine Lebensperspektive, die über das Ich-Bewußtsein hinausreicht und die in der Lage ist, Menschen und Schöpfung mit den Augen der Liebe Gottes wahrzunehmen. Das diakonische Handeln von Kirche und Gemeinden ist Symbol dieser inneren Verbundenheit mit Menschen und Schöpfung. Zugleich war das Verbundenheits- Bewusstsein ein wichtiger Motor in der Bewegung des konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Das Engagement gemeindlicher Suppenküchen und Wärmestuben, von Eine-Welt, Gerechtigkeits- und Umweltgruppen wird durch dieses Verbundenheitsbewusstsein getragen.

Wenn wir über kirchliches Handeln in unserem Kirchenbezirk nachdenken, sollten wir im Blick auf die zur Verfügung stehenden Kräfte und Ressourcen vor allem in diejenigen Bereiche und Arbeitsfelder investieren, die die Herausbildung dieses zutiefst der Botschaft Jesu entsprechende Verbundenheits – Bewusstsein fördern.