Natur als Spiegel

Die Natur als Spiegel der Seele

Zwölf Tage im Berezinsky – Nationalpark in Weißrussland
Von Mose wird berichtet, dass er Gott in einem brennenden Dornbusch begegnete. Jesus verbrachte fastend eine Auszeit von 40 Tagen in der Wüste, um Klarheit für seinen Auftrag, seinen Lebensweg zu erlangen. Mohamed stieg allein auf einen Berg in der Nähe Mekkas, um zu meditieren und Buddha zog sich in die Einsamkeit des Waldes zurück, um zu neuen wegweisenden Einsichten zu gelangen. In vielen Kulturen und Religionen weltweit gibt es bis heute Rituale und Formen von Naturbegegnung, die Menschen in Umbruch- situationen nutzen, um Klarheit über ihren Lebensweg, ihren Glauben, ihre Beziehungen zu Menschen und ihrer Mitwelt zu gewinnen. Das war auch die Motivation für eine Gruppe junger Männer, die mit mir unter Leitung des bayerischen Landesjugendpfarrers Dr. Gerd Bauer Anfang August 12 Tage in den weißrussischen Berezinsky – Nationalpark, dem ältesten Nationalpark Europas, fuhren, um die Natur, die Wildnis als Spiegel der eigenen Seele, wie auch der eigenen Beziehung zu Gott zu erleben. Das ganze lief unter der Überschrift „Visionssuche in der Natur“. Wenn man mit dieser Idee in der Wildnis ist, dann öffnen sich, so habe ich das erlebt, in ganz anderer Weise die Sinne für die Wahrnehmung der Pflanzen und Tiere, der Steine und der Elemente um einen herum. Alles beginnt eine Sprache zu sprechen, die du nach und nach zu verstehen lernst. Und du spürst nach vier Tagen und Nächten, die du allein fastend in der Wildnis verbringst, dass du als Mensch Bestandteil der Schöpfung bist, dass du zu den Bäumen und Büschen, den Vögeln und Insekten, zu allem, was es da zwischen Himmel und Erde gibt, dazugehörst. Im Lebens- alltag der meisten Menschen wird die Natur, wenn überhaupt, dann als feindliches Gegenüber wahrgenommen, die nur in Form von Naturkatastrophen in unser Bewusstsein dringt, die es gilt zu bezwingen oder eben so effektiv wie möglich auszubeuten für unsere Zwecke. Diese Trennung zwischen Natur und Gesellschaft, Wildnis und Zivilisation hat uns Menschen den Blick für das Ganze verlieren lassen. Wir haben damit zugleich das Wissen um die in uns angelegte Verbindung zu allem was ist, zu uns selbst und zum Urgrund des Seins verloren. Aber das muss nicht so bleiben. Wir können den Kontakt wieder gewinnen, wenn wir uns der Natur und der Wildnis und damit auch der Natur und der Wildnis in uns selbst in neuer Weise öffnen, staunend, achtungs – und respektvoll, lauschend und neu sehend. Dass das eine große Kraft hat, die Menschen in ihren Grundfesten verändern kann, das habe ich in den 12 Tagen im Berezinsky-Nationalpark selbst erfahren dürfen und habe das auch an jungen Männern erlebt, die bisher einen Großteil ihres Lebens vor dem Computer und in der Ersatzwelt des Internet verbracht haben. Um solche Erfahrungen zu machen, muss man nicht unbedingt nach Weißrussland fahren, dass ist auch in der nächsten Umgebung im Muldental möglich. Zur Zeit bin ich dabei, ein ähnliches Angebot für junge Menschen in unserer Region im nächsten Jahr vorzubereiten, die den Spiegel der Natur als Unterstützung bei der Suche nach ihrem individuellen Lebensweg nutzen wollen.

Henning Olschowsky, Mutzschen
Jugendpfarrer im Kirchenbezirk Leipziger Land