Das gewandelte Wir

Heute dominiert das kritische Ich-Bewusstsein. Doch es wächst auch die Verbundenheit mit anderen Menschen und die Anerkennung unterschiedlicher Glaubensbilder

Bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde unser gesellschaftliches Umfeld durch die Dominanz des Wir-Bewusstseins geprägt. Das Hineingeborenwerden in eine bestimmte Familie, Konfession, ein konkretes soziales Milieu bestimmte weitgehend die biografische Entwicklung eines Menschen. Der Sohn eines Bäckers wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Bäcker, um später das elterliche Geschäft weiterzuführen. Die Tradition setzte nicht nur Eckpunkte für Beruf, Konfessionszugehörigkeit und entsprechende Partnerwahl, sondern bot zugleich einen in sich geschlossenen Werte-, Glaubens- und Sinnkosmos, der dem Einzelnen Lebensorientierung bot. Diese festen traditionellen Strukturen des Wir-Bewusstseins, in welche die Einzelbiografien eingebettet werden, sind seit Langem in Auflösung begriffen.

Dieser Prozess ist auf entwicklungspsychologischer Ebene vergleichbar mit der Individuation von Jugendlichen. Um eine eigene Identität, ein eigenes Ich-Bewusstsein entwickeln zu können, ist die Abnabelung vom Elternhaus und eine damit verbundene kritische Auseinandersetzung mit den überkommenen Werten und Weltbildern wichtig. Diese Phase der Pubertät ist die notwendige Übergangsstufe zur Entwicklung einer reifen Persönlichkeit.

Auf gesellschaftlicher Ebene befinden wir uns derzeit auf dieser Entwicklungsstufe. Das heißt: Das Ich-Bewusstsein hat eine gesellschaftsprägende Dominanz. Die Idealisierung von Jugendlichkeit, Selbstverwirklichung und Individualität bis hin zu den verschiedenen Emanzipationsbewegungen unserer Tage sind ein Spiegel dieser Entwicklung. Sie enthält ein großes Potenzial an spielerischer Kreativität, Experimentierfreude, Risikobereitschaft und Flexibilität. Die ideelle Freiheit und Chance, das eigene Leben selbst gestalten und entwickeln zu können, birgt zugleich die Last, sich ständig neu erfinden zu müssen.

Der gesellschaftsbeherrschende Handlungsmodus des Wählen-Dürfens zwischen verschiedenen Möglichkeiten - von der Fernbedienung über den Supermarkt bis zu Lebensplanung, Weltanschauung oder Religion - wird allerdings für viele zum selbstüberfordernden Zwang des Sich-Entscheiden-Müssens.

Weil sich ein verbindlicher Werte-, Glaubens- und Sinnkosmos derzeit auflöst, erscheinen alle Angebote und Antworten auf dem »religiösen Erlebnismarkt« als relativ und austauschbar. Persönliche religiöse Sinnkonstruktionen werden - der individualisierten Lebensgestaltung entsprechend - aus Versatzstücken verschiedener religiöser Traditionen und Kulturkreise zu einer Art individuellen synkretistischen Flickenteppich zusammengesetzt.

Der Imperativ »Erlebe dein Leben« wird zum Credo persönlicher Lebensgestaltung, Konsumieren zum reizstillenden Selbstzweck. Dem auf sich selbst bezogenen Ich-Bewusstsein entspricht die Selbstidentifikation mit dem Haben statt dem Sein.

Das Steigerungsprinzip verbleibt als letzte gesellschaftsverbindende Glaubenskonvention, die alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Das Wachstumsdenken prägt nicht nur den Wirtschafts- und Finanzsektor, sondern auch alle anderen Lebensbereiche. Erlebnisreize müssen immer intensiver, größer, einmaliger sein.

Ohne Frage ist das Steigerungsprinzip ein Motor technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung. Aber nicht erst auf dem Hintergrund aktueller Finanz-, Wirtschafts- und Klima-Krisen stellen mehr und mehr Menschen die Frage nach dem Wozu, dem Sinn dieser »Steigerung«.

Viele Menschen empfinden das Defizit einer vom Ich-Bewusstsein und damit letztlich narzisstisch geprägten Gesellschaft, in der sich der Einzelne in einem permanenten Kampf um Abgrenzung und Konkurrenz zum anderen sieht. Sie spüren eine Sehnsucht nach Sinn, eine Sehnsucht nach Sein, welches das Haben übersteigt. Das Entstehen und Wachsen lokaler Nachbarschaftsnetzwerke, neuer sozialer Bewegungen, die zunehmende Faszination und Hinwendung zu Formen östlicher oder schamanistischer Spiritualität, wo Körper, Geist und Welt stärker als Einheit wahrgenommen werden, bis hin zur wachsenden Nachfrage nach ganzheitlich ausgerichteten Wellness- und Freizeitangeboten (Urlaub im Kloster, Meditationskurse, Pilgern) sind Anzeichen und Ausdruck dieser neuen Seinsorientierung.

Der Einzelne beginnt sich als Teil dieser Ganzheit zu sehen. Er erkennt, dass die eigentliche Bewegung der Welt - und damit auch sein eigenes Wollen und Handeln - nicht von ihm ausgeht, sondern von dieser Ganzheit. Dieses Verbundenheits-Bewusstsein ermöglicht dem Einzelnen, andere Menschen und die gesamte Schöpfung - theologisch ausgedrückt - mit den Augen der Liebe Gottes zu sehen.

Diese Erfahrung setzt die Erfahrung des Getrenntseins und der Vereinzelung des Ich-Bewusstseins voraus. Das einzelne Ich erkennt, dass die vielen Ichs verschiedene Gesichter desselben sind, individuell und unterschiedlich zwar, aber vom selben Ganzen. Dieses gewandelte Wir beruht nicht auf Tradition und Bindung, sondern auf Einsicht, Vertrauen und Liebe. Es bedeutet kein Zurück in das in sich geschlossene System des traditionellen Wir-Bewusstseins, in eine Gruppe, die Geborgenheit gibt. Die institutionalisierte Kirche ist von ihrem traditionellen Selbstverständnis her sehr eng mit den vom Wir-Bewusstsein geprägten sozialen Milieus verbunden. Sie ist Bestandteil und Stütze des in sich geschlossenen Werte-, Glaubens- und Sinnkosmos, welcher das Wir-Bewusstsein konstituiert. Für diese vor allem in den Kerngemeinden beheimateten Menschen da zu sein ist eine unbestrittene kirchliche Aufgabe. Sie prägt das Erscheinungsbild der Kirche vor allem in den ländlich geprägten Regionen.

Die Menschen, deren Lebenshorizont vom Ich-Bewusstsein geprägt wird, haben mit dem Sich-Herauslösen aus den Bindungen des Wir-Bewusstsein vielfach auch die Kirche hinter sich gelassen. Das in sich geschlossene Weltbild des Wir-Bewusstseins hat für sie an Plausibilität verloren. Für sie ist die Kirche ein kultureller Sinn- und Erlebnisanbieter neben anderen.

Angesichts dieser Entwicklung kann die Aufgabe der Kirche nur darin bestehen, die im Hintergrund des Ich-Bewusstseins vorhandene Sehnsucht nach Sinn wachzuhalten. Sie erwächst aus oft verborgenen Gefühlen von Leere und Beziehungslosigkeit. Diese Sehnsucht ist der Motor für die Weiterentwicklung zum Verbundenheits-Bewusstsein. Menschen, die sich an dieser Stelle auf die Suche begeben, finden ihre Antworten nicht im fest geprägten Kosmos des traditionellen Wir-Bewusstseins. Um Anknüpfungspunkte für diese spirituellen Sucher zu schaffen, bedarf es einer Neuausrichtung des theologischen und gemeindepraktischen Denkens.

Im Zentrum sollte dabei die zentrale Botschaft Jesu von der befreienden Liebe Gottes stehen, deren universeller Anspruch die verschiedenen Konfessionen, religiösen Traditionen und Kulturen miteinander verbindet. Es gibt viele verschiedene Wahrnehmungsspuren Gottes in der Welt. Ebenso viele Arten und Formen gibt es, von Gott zu reden. Die Bibel hat einige dieser Zeugnisse zusammengefügt. Sie wurden zur Grundlage der christlich geprägten abendländischen Kultur.

Dass die gängigen Glaubensbilder auf dieser biblischen Grundlage beruhen, darf nicht daran hindern, anzuerkennen, dass es eine sehr große Vielfalt an Zeugnissen göttlichen Wirkens in der Welt gibt. Es lohnt, diese zu entdecken und miteinander ins Gespräch zu bringen. Diese prinzipielle Offenheit entspricht der Bewusstseinsebene der spirituellen Sucher, die sich auf den Weg vom Ich-Bewusstsein zum Verbundenheits-Bewusstsein befinden.

Die Kirche kann Begleiterin auf diesem Weg sein, indem sie selbst Suchende ist und die Antworten der eigenen Tradition kritisch hinterfragt. In Anknüpfung an ihre eigene mystische Tradition und in der gleichzeitigen inneren Öffnung gegenüber theologischen und spirituellen Impulsen aus anderen Kulturen und Religionen kann sie spirituelle Erfahrungsräume zur Verfügung stellen, die das Verbundenheitsbewusstsein erlebbar machen. Dies geschieht heute oft jenseits traditioneller Gottesdienste im Bereich der klassischen Kirchenmusik bis hin zu experimentellen Text- und Musikprojekten.

Theologisch ist das Verbundenheits-Bewusstsein eng mit dem biblisch-jesuanischen Ansatz von der Gotteskindschaft aller Menschen verbunden. Das Ich als »Kind Gottes« nimmt sich als Teil der gesamten Schöpfung wahr und weiß sich innerlich verbunden mit allem Seienden. Daraus erwächst eine Lebensperspektive, die über das Ich-Bewusstsein hinausreicht und die Menschen und die Schöpfung mit den Augen der Liebe Gottes wahrnimmt.

Das diakonische Handeln der Kirche und der Gemeinden ist Symbol dieser Verbundenheit mit allen Menschen und der Schöpfung. Zugleich war das Verbundenheits-Bewusstsein ein wichtiger Motor des konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Das Engagement gemeindlicher Suppenküchen und Wärmestuben, von Eine-Welt-Gerechtigkeits- und Umweltgruppen wird durch dieses Verbundenheitsbewusstsein getragen. Dieses Bewusstsein sollten wir fördern - in und außerhalb der Kirche.

Henning Olschowsky ist evangelischer Jugendpfarrer in Leipzig.
Bildunterschriften, Marginalien, Zitate:
Ich und die anderen: Das »gewandelte Wir« beruht nicht auf Tradition und Geborgenheit, sondern auf Einsicht und Liebe