Indien

Weihnachten in Indienvon Henning Olschowsky

Mitte Dezember kamen meine Frau und ich von einer Indienreise zurück. Wir besuchten unsere älteste Tochter, die im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres seit Januar 2012 als Lehrerin in einem Schulprojekt für Kinder aus ärmsten Verhältnissen arbeitete. Als wir allerdings am Buß- und Bettag in Vasco da Gama ankamen, trauten wir unseren Augen nicht. Alles schien weihnachtlich geschmückt zu sein. In den Fenstern leuchteten Kerzen, Laternen und Lichterketten. Herrnhuter Adventssterne hingen über Hauseingängen. Menschen eilten festlich gekleidet und mit Geschenken bepackt durch die Straßen. Ist es trotz Zeitverschiebung von 4 ½ Stunden nicht noch etwas früh, um Weihnachten zu feiern, dachten wir zuerst, bis wir den Grund für die Festlichkeiten erfuhren: Im hinduistischen Indien wird Ende November Diwali gefeiert, ein fröhliches Lichterfest, das an die siegreiche Rückkehr des Göttersohnes Rama erinnert, der seine Braut Sita aus den Fängen des bösen Dämon Ravana befreit hat. Unterstützt wurde er dabei durch den Affengott Hanuman, der in der indischen Mythologie für Selbstlosigkeit, Hingabe und Nächstenliebe steht. Darum gibt’s Geschenke zu Diwali als Zeichen für die Freude am Gutestun und Kerzen als Symbol für das Licht, das die Dunkelheit vertreibt, das Gute, das das Böse überwindet.
Auch wenn die jahrtausende alten Legenden und Mythen, die heiligen Erzählungen der großen Religionen im Konkreten sehr vielfältig und verschieden sind, kann ich in ihrem existentiellen Kern eine ganze Menge Gemeinsamkeiten erkennen. Zu Weihnachten wie auch beim indischen Diwalifest geht’s um das Sichtbarwerden der Liebe als der göttlichen Urkraft und Energie, die uns über alle scheinbaren Gegensätze, Konflikte und Ängste hinweg verbindet. Bilder und Wahrnehmungsspuren dieser göttlichen Energie der Liebe gibt es in allen Kulturen und Religionen auf unserem Erdball. Und je mehr ich über den Reichtum und die wunderbare Vielfalt der Kulturen und Religionen der Völker weiß, um so offener und demütiger wird mein Herz gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen, weil ich auch dort die Spuren Gottes entdecken und wahrnehmen kann.
Wir sind in Indien sehr vielen freundlich – herzlichen und aufmerksamen Menschen begegnet, auch wenn es für unsere deutschen Augen und Ohren oft sehr grell, laut und chaotisch zugeht, allein wenn man den Straßenverkehr betrachtet. Regeln sind da nicht zu erkennen und es bleibt kaum eine Lücke ungenutzt, in die sich nicht noch eine Rikscha oder ein Moped reindrängeln könnten. Wenn man sich aber nach einer halben Stunde verzweifeltem Warten ein Herz nimmt und einfach losläuft, um über die Straße zu kommen, bildet sich wie von selbst eine Furt durch die Blechlawine. Keiner schimpft oder schaut einen böse an. Es herrscht eine unglaubliche Aufmerksamkeit im Umgang miteinander - so haben wir es erlebt.
Neben einer ungeheuren Vielfalt an Menschen, an Farben, an Gerüchen, an Früchten, an Tieren, von denen einige wie Affen, Ziegen, Schweine und natürlich Kühe auf den belebtesten Straßen und Plätzen in aller Ruhe ihre Kreise ziehen oder auch mal ein Nickerchen machen, neben all dieser Fülle gibt es auch ein großes Heer an bettelarmen Menschen. Oft sitzen sie vor Tempeln, Moscheen und Kirchen. Ihr Selbstverständnis ist, da zu sein, damit andere, damit wir Gutes tun können. Das Bild eines vielleicht 12 oder 13 - jährigen bettelnden Jungen, dem ich bei einer Zugfahrt begegnet bin, hat mich besonders berührt. Er hatte sein Hemd ausgezogen und wischte mit diesem Hemd den Fußboden des Zugwaggons. Dabei kroch er von Abteil zu Abteil und forderte mit der anderen Hand Passagiere auf, ihm ein paar Rupis für Essen zu geben. Bei mir hat diese Szene sehr ambivalente Gefühle ausgelöst. Neben Mitleid spürte ich auch Ärger in mir, Ärger darüber, dass dieser Junge sich selbst offenbar für so wertlos erachtet, dass er für sich nur das Kriechen auf dem Boden für angemessen hält. Er wollte und konnte nicht aufrecht gehen und entwertete damit sich selbst. Ich glaube, Menschen mit einem solchen Selbstbild gibt es nicht nur in Indien sondern auch bei uns.
Menschen, die sich aufgegeben haben, die sich für wertlos halten, die sich selbst an den Rand stellen. Kaum einer zeigt das so offensichtlich wie der Junge im Zugwaggon. Aber wer in die Gesichter der Menschen schaut, wer Gesichter, Augen und Blicke lesen kann, der entdeckt den Menschen dahinter.
Und wenn ich dann den Blick nach Innen auf mein eigenes Seelenleben richte, spüre ich, dass es das auch in mir gibt: Wie oft verurteile ich mich selbst, fühle ich mich wertlos, traue ich mir Nichts zu, verachte ich mich oder mache mich selbst klein!
Weil diese Gefühle unangenehm sind, wollen wir sie möglichst schnell weg haben. Wir verdrängen sie und spielen stattdessen unsere Rollen weiter vom starken Mann, vom unerschütterlichen Familienvater, von der eloquenten Frau und Mutter, die Nichts aus der Bahn werfen kann. Wir spielen das so lange, bis wir an der Spannung zwischen dem inneren Bild und der Rolle, die wir im Außen spielen zu zerbrechen drohen. Krankheiten sind oft deutliche Boten und Signale dafür, dass es so nicht weitergehen kann.
Der erste Schritt, um aus dieser selbstzerstörerischen Spirale herauszukommen ist, diese Gefühle von Ohnmacht, Kleinheit, von Scham und Minderwertigkeit zuzulassen und nicht wegzuschieben, sie zu fühlen als einen Teil, der zu mir dazugehört. Diese Ehrlichkeit erfordert Kraft, aber sie ist heilsam. Ich merke nämlich, wie viel von dem bettelnden bedürftigen Jungen aus dem Zug auch in mir steckt. Und ich glaube, dass in den Seelengründen der meisten Menschen ein nach Anerkennung und Wertschätzung bettelnder kleiner Junge oder ein sich nach Geborgenheit und Liebe sehnendes kleines Mädchen wohnen. Denn Anerkennung und Wertschätzung, wirkliche Geborgenheit und Liebe waren in den Kinderstuben, Krippen, Kindergärten und Schulen der meisten heute Erwachsenen Mangelware. Und das nicht aus Bosheit, sondern weil unsere Eltern, Erzieherinnen und Lehrer es selbst nicht anders erfahren und gelernt hatten. Sie haben es nicht besser gewusst. Und wir haben sie und uns selbst deshalb nicht zu bewerten oder zu verurteilen. Heute aber haben wir die Möglichkeit, uns diese Zusammenhänge bewusst zu machen, um uns damit auch ganz bewusst für ein anderes inneres Lebensprogramm zu entscheiden.
Der Weg dahin aber geht nicht an den Talsohlen der eigenen Seele vorbei, sondern er führt mittendurch. Nur das Wahrnehmen, das Anschauen, das Annehmen meiner eigenen Verletzlichkeit, meiner Bedürftigkeit nach Anerkennung und Liebe bringt meine inneren Eisblöcke zum schmelzen, in denen all meine Ohnmachts-, Scham- und Kleinheitsgefühle eingeschlossen sind. In dem Moment, wo das geschieht, kann es wirklich Weihnachten werden, nämlich Weihnachten für meine Seele, für mein Herz. Denn das Weihnachtsbild von der Menschwerdung Gottes in der Futterkrippe im Stall will genau das ausdrücken. Gott wird Mensch nicht in den nach Außen hin glänzenden Palästen der Starken, Erfolgreichen, Selbstbewussten, sondern in der ärmlichen Hütte der Bedürftigen, die sich nach Anerkennung und Wertschätzung, nach Wärme, Geborgenheit und Liebe sehnen. Nur wer diese Sehnsucht in sich spürt, dessen Herz ist wirklich offen für die Weihnachtsbotschaft, so wie die Herzen der Hirten auf dem Feld oder der Weisen und Könige aus dem Morgenland. Gott wird Mensch im Kind in der Krippe, das erinnert uns daran, dass wir alle göttlichen Ursprungs sind, nur haben die Meisten von uns das im Verlaufe ihres Lebens vergessen.
Genauso erging’s den Hirten, die das zuerst gar nicht fassen können, was ihnen der Engel da verkündet. Dann aber jubilieren ihre Herzen und das verändert ihr Leben. Ihnen wird schlagartig bewusst, dass sie sich ihr bisheriges Selbstbild als Außenseiter und Verlierer, als Minderwertige und Ohnmächtige selbst geschaffen haben im Verlaufe ihres Lebens. Die Wahrheit aber ist, dass sie, dass wir alle geliebte Kinder Gottes sind. Die Hirten schauen in einer neuen Perspektive auf ihr bisheriges Leben und spüren vielleicht zum ersten Mal, dass sie wirklich wichtige und wertvolle Menschen sind, die Liebe empfangen und Liebe schenken können. Sie stehen auf und lernen den aufrechten Gang in ihrer eigenen Würde. Unmöglich können sie das für sich behalten. Sie erzählen es weiter und stecken damit andere an – bis heute. An dieser Stelle wende ich den Blick noch einmal zurück nach Indien, zu dem Jungen im Zug. Welche Perspektiven auf das eigene Leben sind für ihn denkbar? Er könnte seine bisherige Perspektive beibehalten, wertlos, klein und ohnmächtig zu sein und sich selbst aufgebend weiter kniend und bettelnd durch Züge kriechen. Diese Selbstdemütigung könnte sich in Wut und Aggression verwandeln, so dass er irgendwann beginnt, sich mit Gewalt das zu nehmen, was er haben will. Oder ihm wiederfährt so etwas Ähnliches wie den Hirten, dass er beginnt, den göttlichen Kern der Liebe in sich selbst zu entdecken, nämlich dass auch er ein wertvolles und geliebtes Wesen ist.
Genau das geschieht in sozialen Projekten wie der Schule in Kalkeri in Indien, in der unsere Tochter ein Jahr gearbeitet hat. Kinder aus ärmsten und oft bedrückendsten Verhältnissen erfahren hier, dass sie wertvolle und geliebte Wesen sind.
Sie erhalten nicht nur Schulbildung, ausreichend Essen und medizinische Versorgung sondern vor allem Anerkennung und Zuwendung, Wertschätzung und individuelle Förderung.
Sie lernen aufrecht und selbstbewusst ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Wer mehr darüber erfahren möchte ist ganz herzlich zu unserem Themenabend „Indien“ am 16. April 19.30 im Pfarrhaus Mutzschen eingeladen. Informationen über das Schulprojekt gibt’s unter http://www.ksv.org.in Es gibt auch die Möglichkeit, Patenschaften für Kinder an dieser Schule zu übernehmen. Mit 25 € im Monat kann man einem Kind den Platz an dieser rein durch Spenden finanzierten Schule ermöglichen. Auch das wäre ein ganz konkretes Weihnachts – bzw. Epiphaniasgeschenk, das nicht nur den Kindern in Indien, sondern zugleich unserer eigenen Seele, dem bedürftigen Kind in meinem eigenen Herzen zu Gute kommt.