Anders leben

Anders leben statt Wachstum ohne Grenzen - Predigt zu 1.Mose 11, 1 – 15 …. Zum Turmbau zu Babel

Vierteljährlich trifft sich die Pfarrerschaft unseres Kirchenbezirks in Grimma, um dienstliche Themen zu besprechen. Vor einigen Wochen allerdings lud der Superintendent an einen besonderen Ort zu einem besonderen Thema ein. Wir trafen uns in Colditz mit dem Geschäftsführer der Nahrungsmittelfirma Anona, Herrn Eismann, um über moderne Führungsphilosophie und Leitungsverantwortung mit einander zu reden. Es gab eine Betriebsführung und ein gutes Gespräch mit vielen wechselseitigen Impulsen. Die Anona GmbH ist laut eigener Internetseite Europas führender Hersteller von Pulverprodukten, Kapseln, Tabletten, Riegel und Nahrungsergänzungsmittel im Bereich Sportlernahrung. Den Ausschlag zu einer heftigen Diskussion gab aber nicht das labordesignte Essen, das die Anona aus über 1000 angelieferten Rohstoffen und künstlich hergestellten Vitaminen nach Kundenwünschen synthetisch produziert. Den Ausschlag gab der wirtschaftspolitische Glaubenssatz des Geschäftsführers, dass nur die ständige Expansion des Unternehmers und ein permanenter Zuwachs an Marktanteilen und Umsatzmengen das Überleben des Unternehmens und damit auch das Fortbestehen unserer Gesellschaft sichern kann. „Wir müssen heute wissen, was morgen gegessen wird, um dementsprechend auf den Markt reagieren zu können“ sagte er. Dazu gehört ständige Veränderung und Erweiterung der Produktion. Darum werden derzeit auch neue Produktionshallen in Colditz gebaut, weil die alten nicht mehr ausreichen. Um den Bau der Hallen zu bezahlen, müssen Kredite aufgenommen werden. Um die zurückzuzahlen muß die Firma entsprechend mehr erwirtschaften. Dazu werden immer mehr Rohstoffe gebraucht, die nicht in dem Maße nachwachsen, wie sie verbraucht werden. Die Schere zwischen den natürlichen Ressourcen unserer Erde und dem, was wir tatsächlich verbrauchen wird damit immer größer, denn unsere Bodenschätze und Ressourcen sind endlich, unser Bedarf aber schraubt sich immer weiter in die Höhe. Dem Geschäftsführer Herrn Eismann ist dieser Zusammenhang klar. Einen Ausweg aber aus dieser prekären Situation sieht er im Moment nicht. Er trägt die Verantwortung für den Fortbestand seines Unternehmens, für über 300 Arbeitsplätze; er spürt die Last der zurückzuzahlenden Kredite. Aber wenn sich das Denken der Menschen ändert, so räumt er ein, dann verändert sich die Welt und damit auch die Rahmenbedingungen für seine Firma. Dann wird sich auch die Produktionsstruktur seines Unternehmens verändern. Zur Zeit aber sieht er keine Alternative zu Wachstum und Steigerung. Und damit drückt er das aus, was unsere Gesellschaft, was wir alle verinnerlicht haben: Alles muß höher, schneller, weiter gehen, denn Stillstand bedeutet Tod, bedeutet Untergang. Da wird vom „Nullwachstum“ gesprochen als dem Schreckgespenst jedes Politikers. In diesem gesellschaftsverbindenden Glauben an das Steigerungsprinzip entdecke ich eine der Hauptparallelen zur uralten Geschichte vom Turmbau zu Babel, die wir vorhin als Lesung gehört haben. Auch damals ging es um die totale Entgrenzung. Eine Steigerung hin zum Unendlichen, wofür der Himmel steht. Der Mensch hatte den Maßstab verloren für das was menschlich, was natürlich ist. Alle Resourcen an Bodenschätzen und Menschen, an Wissen, Fortschritt und Innovation wurden global zusammengeführt, um ein größenwahnsinniges und letztlich selbstzerstörerisches Projekt umzusetzen. In der Bibelgeschichte greift Gott ein, indem er die Menschheit zerstreut, sodass die Menschen an vielen Orten in kleinen Gemeinschaften nach einem menschlichen und natürlichen Maß miteinander leben. Damit rettete Gott die Welt vor der Selbstzerstörung, so erzählt die alte Bibelgeschichte. Der moderne Turmbau zu Babel besteht heute wiederum in der Idee vom ständigen Wachstum, die längst globalisiert ist. Dass unbegrenztes Wachstum ein Mythos ist, wissen wir schon lange. Schließlich hat die Denkfabrik Club of Rome mit ihrer Studie über die Grenzen des Wachstums bereits 1972 gezeigt, dass die Welt auf einen Abgrund zurast. Danach dachten viele, dass sich Probleme wie Umweltzerstörung, Klimawandel und Ressourcenknappheit durch neue Technologien lösen ließen. Doch der Glaube an ein „grünes“ Wachstum ist ein großer Selbstbetrug. Eine Art Ersatzreligion, die uns bis heute davon abhält, das Richtige zu tun!

Aber wie könnte es anders gehen? Es fällt schwer, sich das vorzustellen. Unser Leben, Arbeiten und Denken ist so stark durch die Wachstumsideologie geprägt, dass es uns fast unmöglich erscheint, eine andere Perspektive einzunehmen. Denn industrielle Arbeitsteilung und Marktwirtschaft bilden das Fundament unserer Gesellschaft. Produktionsvorgänge werden in möglichst viele isolierte Teilprozesse zerlegt. Jeder Marktakteur kann sich auf seine Stärken konzentrieren. So kann insgesamt mehr produziert werden, als ohne Spezialisierung. Soweit so gut. Der Teufel aber steckt in dem „immer mehr“. Sind die Spezialisierungsvorteile innerhalb einer Region ausgeschöpft, müssen neue Märkte gefunden, neue Rohstoffquellen erschlossen werden. Es kommt zu einer räumlichen und zeitlichen Entgrenzung der arbeitsteiligen Verflechtungen und Handelsbeziehungen – eine Schraube, die sich immer weiter nach oben dreht. Wir als Konsumenten sind Bestandteil dieses Systems. Wir haben uns daran gewöhnt und können uns das gar nicht anders vorstellen.

Der Oldenburger Ökonomieprofessor Nico Paech spricht in seinem Buch „Befreiung vom Überfluß - Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ vom Bequemlichkeitsfortschritt, der in unserem beruflichen wie privaten Alltag unverkennbare Spuren hinterlassen hat. Bewegungsmangel, Übergewicht, schwindende körperliche Belastbarkeit und vor allem eine Verkümmerung handwerklichen Geschicks. Viele Menschen sehen sich heute nicht mehr in der Lage, Lebensmitteleinkäufe ohne Auto zu tätigen, einen Gehweg zu fegen, Briefe mit der Hand zu schreiben, einfache Reparaturen vorzunehmen oder Gebrauchsgegenstände mit Nachbarn zu teilen – wozu auch? Komfortable Technologien, Dienstleistungen und genügend Geld für die permanente Neuanschaffung von Gütern werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Eigene physische Leistungen durch maschinelle Arbeit oder nonstop abrufbereite Services zu ersetzen bildet einen Kern des zeitgenössischen Fortschrittsverständnisses. Demnach gilt es, sich von allem zu befreien, was zeitraubend, anstrengend, schmerzhaft oder unhygienisch sein könnte. Mit der stetigen Verschiebung von Zumutbarkeitsgrenzen wird eine monströse Delegationsmaschinerie in Gang gesetzt. Allerdings lassen sich auch in einer derartigen „Bequemokratie“ die physikalischen Gesetze nicht außer Kraft setzen. Mit anderen Worten: Auf irgendwen oder irgendwas muss die Drecksarbeit schließlich abgewälzt werden. Die zu diesem Zweck erschlossenen Möglichkeiten sind im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos. So genannte „Sweat Shops“ in Asien, Lateinamerika und Afrika sind zu einem Symbol für die globusweite Verlagerung des „schmutzigen“ Teils der Herstellungsketten geworden. Technischer Fortschritt aber und globale Lieferketten lösen keine Knappheitsprobleme im Blick auf rarer werdende Rohstoffe. Gegenwärtige Knappheiten werden durch eine intensivierte Plünderung der Erde nur zeitlich verlagert.

Zum anderen entstehen raumüberwindende globale Lieferketten wie unsichtbare Tentakel unseres nördlichen Wohlstandsmodells. Direkt zugreifen lässt sich damit auf das Coltan im Kongo, die Kohle in Kolumbien (allein 2010 wurden acht Millionen Tonnen nach Deutschland geliefert), das Erdgas in Sibirien, das Erdöl unter den abschmelzenden Polkappen, das Obst aus Neuseeland, das Lithium Boliviens (Akkus für Elektromobile), den Urwald des Amazonasbeckens (Rodungen, um Soja zum Mästen europäischer Nutztiere anbauen zu können) oder Indonesiens (Palmöl für die chemische Industrie und zur Erzeugung von Biokraftstoffen). Der momentan zunehmende Landraub bedarf keiner Waffengewalt, völlig hinreichend ist der alltägliche Wahnsinn steigender Konsum- und Mobilitätsansprüche. In Niedersachsen ist Anfang 2012 eine interessante Situation eingetreten: Erstmals reichen die Flächen dieses Bundeslandes nicht mehr, um den eigenen Bedarf an Getreide zu befriedigen. Der Grund? Immer mehr Landwirte haben die bisherige Getreideproduktion auf Energiemais umgestellt, denn dies wirft dank der EEG-Einspeisevergütung höhere Renditen ab. Wo wird das fehlende Getreide nun wohl herkommen?

Wir müssen unser Leben endlich entrümpeln und entschleunigen! Einsparen, rückbauen, schrumpfen, kurz: bescheidener leben. Das ist der Kern dessen, was Noco Paech „Postwachstumsökonomie“ nennt. Weshalb es für eine Wirtschaft ohne Wachstum allerhöchste Zeit ist, hat der Wirtschaftsprofessor wissenschaftlich begründet. Wie die „Kunst der Reduktion“ im Detail aussieht, lebt er selbst vor: Der Ökonom hat kein Auto, steigt in kein Flugzeug und trägt bei Vorträgen ein Jackett aus dem Jahr 1987. „Wohlstandsballast“ wie Mikrowelle, MP3-Player und Digitalkamera kommen dem Nachhaltigkeitsforscher erst recht nicht ins Haus. Trotz allem ist Nico Paech kein freudloser Asket. Er selbst empfindet seinen Lebensstil nicht als Verzicht: „Reich ist nicht, wer viel hat. Reich ist, wer wenig braucht“, sagt er. Zum Glücklichsein braucht er vor allem zwei Dinge. Bücher und Musik. Paech liebt Jazz, spielt Saxofon. Er geht gern auf Konzerte und verbringt gern lange Abende mit Freunden in der Kneipe. Wirtschaft jenseits von Wachstum heißt nicht nur für weniger Konsum zu kämpfen. Ihm geht es auch darum, Dinge länger zu nutzen, zu teilen, zu reparieren oder im besten Fall gleich selbst herzustellen. Es ist also nur konsequent, wenn der Wirtschaftsprofessor in seiner Freizeit Brot backt, Kindern Nachhilfe gibt, mit Nachbarn Werkzeuge tauscht, um an alten Fahrrädern herumzuschrauben.

Auf der Suche nach Glück fehlt den meisten Menschen nicht Geld, sondern Zeit. Er schlägt daher vor, die durchschnittliche Arbeitszeit auf zwanzig Stunden pro Woche zu verkürzen: „Dann haben die Menschen weniger Geld und mehr Zeit.“ Zeit auch, um das Leben genießen zu können und damit die Erfahrungen, den Augenblick, die Dinge wahrzunehmen und genießen zu können, die uns von Gott tagtäglich als Lebensgeschenke gegeben werden. Dazu gehören die Menschen, mit denen wir verbunden sind wie auch die Natur, die Tiere und Pflanzen, die reichliche Ernte mit Früchten aus Feld, Garten und Wald. Ich glaube, es ist die Entscheidung jedes einzelnen von uns, mit welchem inneren Programm ich die Welt betrachte. Ich selbst entscheide darüber, ob ich mein Leben vom Gedankenfeld des immer „Höher, schneller, weiter“ bestimmen lasse oder ob ich mehr und mehr beginne selbst zu entscheiden, was ich wirklich für ein gutes Leben brauche, was sinnvoll und gut ist für ein menschliches Miteinander, die Bewahrung unseres Lebensraumes auf dieser Erde, ein maßvolles, menschen- und naturverbundenes Leben für mich.

Mit der Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert uns die Bibel daran, wohin Maßlosigkeit und Entgrenzung führen. Wir selbst haben die Freiheit, darüber zu entscheiden, wie wir leben wollen. Wenn sich unser Bewusstsein verändert, verändert sich die Welt – und damit auch die Rahmenbedingungen für den Nahrungsmittelproduzenten Anona. In Veränderung, in Bewegung bleiben war eine der Maxime des Geschäftsführers. Die Firma wird auch ohne steigende Absatzzahlen weiterexistieren. Vielleicht wird sich die Produktpalette verkleinern, werden sich die Transportwege verkürzen, die Mitarbeiter etwas weniger verdienen. Dafür werden sie mehr Zeit für andere Dinge in ihrem Leben haben, für ihre Familien, für Freunde, für Hobbys. Sie werden weniger gestresst und ausgeruhter zur Arbeit kommen, Haushaltsgeräte werden länger halten und der Verbrauch von Rohstoffen und Energie wird sinken. Für unsere Kinder und Enkel wird ein solches Leben selbstverständlich sein. Gottes Segen sei mit uns.

Ihr Pfarrer
Henning Olschowsky