Jahreslosung 2018

Gott spricht: "Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst." Offenbarung 21,6

Die ersten Leser der Offenbarungstexte am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts lebten in großer Bedrängnis. Wer seinen Glauben offen bekannte, musste mit Verfolgung durch die römischen Machthaber bis zum Tod rechnen. Sie dürsteten nach Freiheit, um ihren Glauben leben zu können, nach Gerechtigkeit und Anerkennung.
 
Wonach dürste ich?
Mein Grundgefühl – besonders nach den Feiertagen – ist eher Sattheit. Ich lebe im Handlungsmodus des Auswählenmüssens, ob im Supermarkt, vorm Bildschirm, vom Mobilfunkanbieter bis zur Lebensversicherung. Und manchmal fühle ich mich regelrecht überflutet von Informationen und Dingen, die ich nie wissen oder haben wollte.
Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit sind zu Parteinamen und politischen Kampfbegriffen verkommen oder schmücken als inhaltsleere Worthülsen einlullende Sonntagsreden.
 
Wonach aber dürste ich?
Was brauche ich wirklich in meinem Leben.
Um das herauszufinden braucht es Wüstenzeiten in meinem Leben. Manchmal sind das Situationen, in die mich das Leben wirft durch eine Krankheit oder einen Verlust. Mir steht plötzlich klar vor Augen, worum es eigentlich geht und wie viele Dinge meines Alltags nur Zeit - und Energiefresser sind. Solche Wüstenzeiten kann ich mir aber auch selbst einrichten als Zeiten der Stille, des Gebets, des Fastens, in denen ich mit mir selbst und mit Gott in Berührung komme. Dann fühle ich mich verbunden mit den Quellen lebendigen Wassers, die es in keinem Supermarkt und auch nicht im Internet zu bestellen gibt, sondern die immer schon da sind – umsonst.

Humpelnde Welt

Es bleibt nicht aus, dass man den Mut verliert, wenn man schon längere Zeit mit seinen wunden Füßen herumexperimentiert.
Ich hatte noch immer nicht den richtigen Schuh, die richtige Sohle, die richtige Salbe gefunden;
Ich sah –fast getröstet – anderen Humpelnden zu.
Und kam ein Morgen, ein kalter, unangenehmer,
Der hatte-mir günstig-mir freudige Post beschert.
Ich humpelte weinwärts, aber ich hinkte bequemer.
Ich glaube, es schneite, donnerte, regnete,
Rauchte, aber für mich nicht bestellt.
Mir lächelte alles, was mir begegnete.
Auch du kannst so schön sein, humpelnde Welt.

Joachim Ringelnatz