Jahreslosung 2019

"Suche Frieden und jage ihm nach!"
Psalm 34,15

Angst in Hoffnung verwandeln

Ein 80. Geburtstag. Mit der Geige unter dem Arm überbringe ich musikalische Segenswünsche. Danach nehme ich Platz in einer munteren Runde ergrauter Häupter. Ich werde gefragt, ob ich wüsste, wer auf dem Mutzschener Friedhof die Blumen klaut. „So etwas gab es früher nicht.... Die Leute haben nicht mal mehr Respekt vor der Ruhe der Toten.....Man hat ja Angst, auf den Friedhof zu gehen.... oder überhaupt auf die Straße.... Selbst im eigenen Haus fühlt man sich nicht mehr sicher.... Die Menschen werden immer schlimmer..... Da kann man wirklich Angst kriegen!“

70 Prozent der Deutschen haben Angst vor Terroranschlägen. Dabei wäre es 300 Mal wahrscheinlicher, bei einem Autounfall um’s Leben zu kommen. Aber was sagen schon Zahlen aus gegenüber einem Gefühl?

60 Prozent fürchten politischen Extremismus und Spannungen durch den Zuzug von Ausländern und Flüchtlingen. Da liegen wir gleichauf mit der Angst vor schadstoffbelastetem Essen und Natur – und Umweltkatastrophen.

Angst scheint ein Grundgefühl der Gegenwart zu sein. Und längst prägt sie den politischen Diskurs in unserem Land. Wer mit Ängsten argumentiert, produziert emotionale Erregung und entzieht sich zugleich dem sachlichen Diskurs. Angst dient der Rechtfertigung für eine harte Asylpolitik, für Hass und Rassismus. Es ist ein großer Irrtum, wenn wir glauben, dass menschenfeindliche Haltungen verschwinden und die extremen Rechten von Chemnitz, Dresden oder Wurzen zu freundlichen Zeitgenossen werden, wenn man die ausgemachte „Angstursache“ , die Flüchtlinge, losgeworden ist.  Die Angst ist ein Symptom, hinter dem menschliche Bedürfnisse nach Sicherheit, Freiheit und Zugehörigkeit stehen. Darum ist es wichtig zu sagen, wovor genau jemand Angst hat.

(Und da gibt es einiges, was uns wirklich Angst machen kann: Die durch einen weiterhin zunehmenden Ausstoß von Treibhausgasen fortschreitende Klimaerwärmung z.B. mit unabsehbaren Folgen. Der extrem heiße Sommer 2018 und die Zunahmen von Dürrekatastrophen und verheerenden Wirbelstürmen sind da nur aufrüttelnde Vorboten.)

 Jeder Mensch kennt die Angst vor Armut, vor Krankheit, die Angst, nicht dazu zu gehören.

Aber wenn ich mich ganz konkret und ohne ideologische Scheuklappen aufzusetzen in meinem Umfeld umschaue, gelingt es unserem Sozialstaat de facto ganz gut, diese Ängste aufzufangen. Den Meisten, mit denen ich rede, geht es relativ gut. Sie fühlen sich sozial abgesichert durch Rente und Krankenkassen – auch wenn Manches verbesserungsfähig ist.

Die gefühlte Angst aber nimmt trotzdem immer mehr zu.

Der Philosoph Sören Kirkegard spricht von „...Angst als einem diffusen Gefühl, das den Menschen überfällt, der erkennt, dass er sein Leben selbst führen muss.“ In meiner tiefsten Angst fühlt sich mein „Ich“ bedroht durch das „Nichts“.

Mein Glaube ist in solchen Momenten das Einzige, das ich der Angst vor dem „Nichts“ entgegen setzen kann. Der Glaube daran, dass ich auch in meiner Angst gehalten bin und das auch über den Tod hinaus; dass ich Vertrauen haben kann gegenüber Menschen, zu Gott, zu mir selbst; die Hoffnung, dass eine Welt möglich ist, in der sich Menschen mit liebevollen Augen begegnen und das ebenso gegenüber der Schöpfung, die uns umgibt.

Angst gehört zum Leben dazu. Selbst Jesus hatte Angst in Getsemane, kurz vor seiner Gefangennahme und dann auch am Kreuz. Diese Angst aber hatte keine Macht über ihn, weil er sich in seinem Herzen verbunden wusste mit Gott – eine Vertrauensbeziehung, die ihn durch den Tod trug.

Mein Glaube macht die Angst nicht weg. Aber er kann sie transformieren, dass aus ihr Kraft und Mut zur Veränderung erwächst für die Vision einer Welt, die sich nicht abschottet, die das Lebensrecht aller Menschen nicht nur in Präampeln proklamiert, sondern Wirklichkeit werden lässt an meinem Lebensort, in unserer Region, wie auch im Zusammenleben der Völker; Kraft und Mut für eine Vision, welche die Zeichen der Zeit erkennt für eine verantwortungsvolle Klimapolitik und einem neuen Verständnis davon, was lebenswertes und erfülltes Leben bedeuten könnte - ganz im Sinne der Jahreslosung für 2019 aus Psalm 34,15

"Suche Frieden und jage ihm nach!"

Ihr Pfarrer Henning Olschowsky

Humpelnde Welt

Es bleibt nicht aus, dass man den Mut verliert, wenn man schon längere Zeit mit seinen wunden Füßen herumexperimentiert.
Ich hatte noch immer nicht den richtigen Schuh, die richtige Sohle, die richtige Salbe gefunden;
Ich sah –fast getröstet – anderen Humpelnden zu.
Und kam ein Morgen, ein kalter, unangenehmer,
Der hatte-mir günstig-mir freudige Post beschert.
Ich humpelte weinwärts, aber ich hinkte bequemer.
Ich glaube, es schneite, donnerte, regnete,
Rauchte, aber für mich nicht bestellt.
Mir lächelte alles, was mir begegnete.
Auch du kannst so schön sein, humpelnde Welt.

Joachim Ringelnatz